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Die Generation 60plus des Jahres 2011
Sie ist einzigartig – die Generation 60plus des Jahres 2011. Ihresgleichen gab es in der Geschichte der Menschheit nie. Die Generation 60plus ist pures neues Denken, ist ein qualitativ hochwertiger Sprung innerhalb der menschlichen Evolution. Sie mit früheren Generationen, etwa mit der Generation 60plus des Jahres 1951 oder mit der Generation 60plus des Jahres 1981, zu vergleichen, hieße, den modernen Homo sapiens sapiens mit dem vorsintflutlichen Neandertaler zu vergleichen. Trotzdem geschieht genau dies.
Dass der Vergleich geschieht, wie er geschieht, liegt nicht an der Generation 60plus des Jahres 2011. Dass er geschieht hängt mit jenen Denkstrukturen und Denkweisen zusammen, denen all jene anhängen, denen Neues Denken unbekannt ist und in deren Adern noch Reste des Blutes von Neandertalern rinnt.
Man muss nicht lange raten, welche Gruppen es sind, in deren Adern Reste des Blutes von Neandertalern fließt: Es sind die meinungsführenden Gruppen der Gesellschaft! Neandertalerblut in den Adern entdecken wir im transferierenden Sinne innerhalb der Vorstände in den Medien, innerhalb der Vorstände der großen gesellschaftlichen, kulturellen und politischen Institutionen, innerhalb der Vorstände der Wirtschafts- und Industrieverbände, innerhalb der Vorstände der großen Banken und Versicherer und nicht zuletzt innerhalb nahe zu aller Disziplinen der Wissenschaften, allen voran die Rechts- und Staatswissenschaften, die Naturwissenschaften, die Lebenswissenschaften, der Gesundheits- und Pflegewissenschaften und – leider - auch in der Philosophie.
Dass die Medien von Neandertalern beherrscht werden, verwundert kaum. Denn Medienleute leben, denken und handeln in Sphären, in denen Wirklichkeit, so, wie sie an und für sich ist, nicht stattfindet, nicht stattfinden kann. Sie sind ohnehin die Bauchredner des Seins, Papageien, Nachplapperer, die nie etwas Eigenes zustande gebracht haben. Sie liefern nichts Neues, sondern allenfalls Abgestandenes – und nicht selten sind gerade sie es, die die falschen wissenschaftlichen Theorien, wie sie derzeit in den Finanz- und Wirtschaftswissenschaften, in der Medizin oder in den Gesundheits- und Pflegewissenschaften in Umlauf sind, bedenkenlos, ahnungslos und kenntnislos verbreitet haben. Sie laufen den falschen Propheten hinterher, den Ackermanns, den Sinns, den Steinbrücks, und merken nicht, wie sehr sie denen immer wieder aufgesessen sind. Wie es um die Zerklüftung der Gesellschaft bestellt ist, nehmen sie nicht wahr Sie bringen die Gesellschaft nicht voran, sondern behindern ihre Weiterentwicklung. Sie liefern nicht Information, sondern Desinformation. Inzwischen hat die Gesellschaft einen Verblödungsgrad erreicht, den etwa die Religionen niemals bewerkstelligen konnten. „Die Kinder des Glaubens wie die Kinder der Wissenschaften bedeuten kein Ende der Torheit, sondern nur dessen beliebige Fortsetzung“, sagt der Paderborner Philosoph Hans Ebeling.
Die Alten der Generation 60plus beobachten diese Entwicklungen mit Sorge. Trotz der Anzahl der Jahre, die sie gelebt haben, hören sie nicht auf zu lernen, sich zu bilden und mitten in der Gesellschaft zu leben und zu wirken. Die Alten sind nicht alt. Wohl könnten sie gelassen sein und damit leben, wie die Bilder aussehen, die die Medien von ihnen malen – denn wie auch immer: Es sind falsche Bilder. Sie sind zielgerichtet negativ. Denn wo das Alter negativ dargestellt wird, da lassen sich die Kosten drücken und die Gewinne steigern. So bleiben die Bilder, die die Medien derzeit vom Altern und von den Alten zeichnen, einseitig und unhaltbar negativ. Trotzdem werden sie nahezu ohne Kritik von Jung und Alt übernommen. Wen wundert’s, wenn die Alten nicht fröhlich sind. Es ist damit wie mit der „self-fullfilling- prophecy“: die Alten glauben zu verblöden, und weil sie es glauben, verblöden sie wirklich, obwohl sie nicht wirklich verblödet sind. Es fehlt ihnen das gesunde Selbstbewusstsein, es fehlt ihnen das, was sie gegen die von den Medien abgesonderten Zuschreibungen immunisiert. Es fehlt ihnen Zivilcourage. Denn es ist nicht wahr, dass man im Alter als erstes die Haare verliert – im Alter verliert man hierzulande als erstes das gesunde Selbstwertgefühl.
Selbst auf Krankheit und Pflege bezogen, stimmen die Daten, die seit Jahren verbreitet werden, nicht. So ist z.B. die Zahl der Pflegebedürftigen in den vergangenen vierzehn Jahren um 240.000 gestiegen. Das sind rund 17.000 jährlich. Hochgerechnet auf die nächsten zwanzig Jahre, wird sich die Zahl der Pflegebedürftigen um 340.000 erhöhen. Die Zahlen, die der Öffentlichkeit präsentiert werden, sind die Zahlen der Geschäftemacher, die mit Gesundheit und Pflege der Menschen Millionen Euro scheffeln wollen – realistisch sind deren Zahlen nicht. 1,4 Prozent unserer Gesamtgesellschaft bedarf derzeit einer mehr oder weniger intensiven Pflege. Was die Zahlen der demenziellen Erkrankungen angeht, so liegt deren Zahl bei etwa 500.000 oder bei 0,4 Prozent der Gesamtbevölkerung. Wobei darauf zu achten ist, dass sich dementielle Erscheinungen auch unter Medienleuten, Bankmanagern, Wirtschaftswissenschaftlern oder Neurologen feststellen lassen. Ein allgemeiner Blick auf den Zustand unserer Gesellschaft wird diese Diagnose bestätigen.
Das Alter ist anders. Denn die Voraussetzungen für die Entfaltung von Potentialen des Lebens bis ins hohe Alter in einer entwickelten Gesellschaft wie der unseren sind (noch)gut. Die persönliche Entfaltung kann heute in einem hygienischen, medizinischen, ökonomischen und ökologischen Umfeld erfolgen, das nicht nur Langlebigkeit, sondern auch Leben bei physischem und psychischem Wohlbefinden ermöglicht, wie es früheren Generationen verschlossen war. Dennoch sind insbesondere die Potentiale des Alters kein Thema, das in beeindruckender Medienberichterstattung, in sozialpolitischen Zielvorgaben oder in wissenschaftlichen Kongressen häufig auftaucht. Potentiale haben sich – so wird argumentiert – bei Personen entwickelt, Institutionen haben sie kaum einmal aufgegriffen, noch haben sie sie nennenswert gefördert. Institutsdenken scheint den Blick für die Wahrnehmung von Potentialen des Alters eher zu verstellen und ihre Berücksichtigung zu erschweren.
Zwar sind die Alten - etwa beim Hundertmeterlauf oder beim Kampf um olympisches Gold - „zu nichts zu gebrauchen“, aber das wollen sie auch gar nicht. Da spenden sie gerne jenen jungen Männern und Frauen Beifall, die dafür geeigneter sind. Die Interessen der Alten sind nicht auf körperliche Schnelligkeit oder Kraft gerichtet, denn da sind die Hasen schneller und die Elefanten stärker, als Menschen es jemals sein werden. Die Aufgaben der Alten ist nicht das Rudern, die Aufgaben der Alten liegen darin, die Richtung anzuzeigen, die eine qualitativ hochwertige Gesellschaft einschlagen sollte.
Dass sie dazu fähig sind, ergibt sich aus ihrem Leben selbst. Denn neben einer hohen sozialen Kompetenz besitzen die Alten in aller Regel reiches Faktenwissen in den grundlegenden Fragen des Lebens, reiches Strategiewissen, Wissen um Kontexte des Lebens und des gesellschaftlichen Wandels, Wissen um die Relativität von Werten und Lebenszielen und nicht zuletzt Wissen um die Ungewißheit des Lebens.
Leben ist Leben inmitten von Leben, das leben will – leben endet frühestens mit dem letzten Atemzuge.
Nur der Geist erkennt des Geistes Wert.
Wenn die Alten hierzulande utilitaristischen Überlegungen angelsächsischer Art die Argumentation nehmen und gesellschaftliche Bedeutung in dem Sinne gewinnen wollen, dass sie jenseits der Reproduktion auf andere Art etwas zur Erhaltung der Spezies beitragen,. dann muss diese Bedeutung über ihre persönliche Zukunft hinausgehen. Sie müssen erkennen, dass der Zeitgeist und die Ziele der privaten Wirtschaft und der privaten Versicherungen darauf gerichtet sind, die sozialen und Solidarität stiftenden Errungenschaften des späten 19. Jahrhunderts und insbesondere der 50er, 60er und 70er Jahre des 20. Jahrhunderts zu zerstören. Die Alten dürfen ihre Energien nicht für Trivialitäten verplempern. „Wenn die Alten ihre Energie im Alter verbrauchen oder mit Trivialitäten und Spielereien verplempern“, sagt die berühmte amerikanische Altersforscherin Betty Friedan, „wenn sie nur die Zeit totschlagen und das Alter und den Tod verleugnen, verschleudern sie ihre auf die Zukunft gerichtete Weisheit und Generativität. Ihr Leben muss mehr sein als nur jene bedeutsamen Erinnerungen, die sie vielleicht für ihre Enkel aufschreiben. Die Alten können die Zukunft nicht voraussehen. Doch wenn sie an den Problemen arbeiten, vor denen unsere Gesellschaft steht, und dabei ihre im Lauf des Lebens erworbene Weisheit und Generativität einsetzen, einschließlich des Wissens um die Entstehung des Sozialstaats, dann hinterlassen sie ihren Enkeln ein Vermächtnis, das darin besteht, dass sie bei der Gestaltung der Zukunft helfen und die Generativität des menschlichen Gemeinwesens entfalten und bewahren.“
Die Alten müssen ihr eigenes Leben leben, generativ und als Teil der Gemeinschaft.
Gerd Heming (Vors.) August 2011
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Hurra! – die modernen Alten sind da
Sie waren gekommen. Tausende. Abertausende. Hunderttausende. Aus allen Ecken der Republik waren sie angereist. Aus Flensburg. Aus Aachen. Aus Altötting. Oder aus Frankfurt an der Oder. Am 3. April des Jahres 2004 waren sie endlich gekommen.
Jetzt standen sie in Berlin, in Stuttgart, in Köln. Dicht an dicht. Ein wogendes Meer. Sie standen aufrecht. Sie hatten allen Grund aufrecht zu stehen. Denn sie hatten so manche Schlacht in ihrem Leben geschlagen. Selbstbewusst. Zielgerichtet. Kampferprobt. Sie hatten das Land aus Ruinen erstehen lassen. Die 35-Stunden-Woche hatten sie erkämpft. Das lange Wochenende. Arbeitszeitverkürzung. Soziale Sicherheit. Sicherheit für sich, für ihre Familien, für ihre Enkel und Urenkel. Manches hatten sie den Arbeitgebern abgetrotzt. Hart! Aber fair, humorvoll und gelassen. Sie waren Helden. Sie waren die wirklichen Helden der Zeit. Sie konnten nicht anders. Und hier standen sie nun und waren nicht mehr bereit, ihr Lebenswerk kampflos preiszugeben. Nicht verlogenen Politikern. Nicht von Gier zerfressenen Managern. Nicht Raubtierkapitalisten. Nicht Neoliberalen. Nicht den Gleichgültigen.
Wer genauer hinsah, der sah in ihren Augen ein Funkeln. Es war Kühnheit in ihrem Blick. Gerade. Kühl. Trotzig. Sie waren lebenserfahren. Grauköpfig. Nicht jugendlich. Aber frisch. Reif. Klug. Wer ihre Augen sah, der ahnte: sie mochten eine Schlacht verlieren, den Krieg jedoch, den würden sie nicht verlieren. Und wehe den Politikern, wehe den Managern, wehe den raubtierhaften Kapitalisten, die unehrlich und gierig das politisch-kapitalistische Gestrüpp durchschlichen.
Es war Klassenkampf. Zweifellos. Aber sie hatten ihn nicht gewollt. Er war ihnen aufgezwungen worden. Von Politikern. Von Arbeitgebern. Von Neoliberalen. Seit Ungleichheit und Ungerechtigkeit ins Unerträgliche wuchsen, nahmen sie den Klassenkampf an. Er war nicht neu. Nicht wirklich. Er tobte längst. Die Lobbyisten aller Couleur hatten den Klassenkampf angefacht. Die Unersättlichen dieser Welt. Die Gierigen.
Wer sie befragte in Berlin, in Stuttgart oder Köln, der erhielt zur Antwort: „Wir haben es nicht mit einer Wirtschaftskrise, wir haben es mit einer Managerkrise zu tun. In der Politik, in den Medien - und in der „freien Marktwirtschaft“. Die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen sind – bei aller Kritik, die man an der Politik üben kann – in den letzen Jahren gut bis sehr gut gewesen: niedrige Zinsen, günstige Wechselkurse vor allem für die europäische Wirtschaft, eine wirtschaftsfreundliche Grundstimmung, Privatisierung, und neue Horizonte durch die Globalisierung“.
„In Politik, Wirtschaft und Medien fehlen die Könner. Und - es fehlen die Anständigen! Es fehlt die Umverteilung von oben nach unten! Wir haben es in unserem Land zunehmend mit korrupten Akteuren zu tun. Mit korrupten Teil-Gesellschaften. Mit Bestechung. Mit Vorteilsnahme. Mit Ämterpatronage. Mit Lobbykratie. Mit schwarzen Kassen. Mit Geldkoffern. Mit Parteispendenskandalen.“
Die, die dort standen in Köln, Stuttgart oder Berlin, sind die neuen Helden der neuen Zeit. Sie demonstrieren. Sie demonstrieren für eine lebenswerte Gesellschaft. Für Lebensqualität. Für Anstand. Für Solidarität. Für soziale Gerechtigkeit. - Ob in Politik, Verwaltung oder Wirtschaft, in kommunalen Betrieben, Medien, Arztpraxen oder Kliniken – wohin der Blick auch fällt: Gier, Unersättlichkeit, Unanständigkeit und Korruption breiten sich metastasenartig aus. Politiker werden „beatmet“, wie Schmieren im Jargon der „Eingeweihten“ heißt, Beamte und Angestellte werden bestochen, Ärzte betrügen, Manager leiten Riesensummen in die eigene Tasche – das Monster, mit dem sich etliche Staatsanwälte derzeit herumzuschlagen haben, stammt nicht aus Sizilien oder Abu Dhabi, wir haben es selbst erschaffen. Oder dulden es doch. Nun frisst es uns auf, unser Gemeinwesen, unsere Moral. Dagegen wehren sie sich, die in Berlin, Köln oder Stuttgart und anderswo.
Gerd Heming, 2004
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Altern – Selbsttötung erwünscht
Wer während seines Lebens ein Tor war, und das ist der Fall im Großen und Ganzen, der bleibt auch im Alter ein Tor. Kaum eine Gesellschaft, so möchte man meinen, sei anfälliger für die Torheit als die heutige. Aber die Geschichte lehrt anderes: Die Torheit wucherte zu allen Zeiten. Wer einem Kaiser Wilhelm folgte, einem Adolf Hitler, einem Stalin, einem Verführer und Führer, der folgt auch einem Bush, einem Schröder, einem Hartz, einem Clement, einem Struck - der erliegt der täglichen Verblendung durch die Medien, durch die Werbung. Wer in den Beckers, Beckenbauers, Klinsmanns oder Schuhmachers, in den Ackermanns oder Essers, wer in den Stars und Sternchen dieser Welt Vorbilder sieht, dem ist nicht zu helfen. Die Torheit ist offenbar unausrottbar.
Denn das Ende der Torheit schlösse ein, auf alle Verblendung, auf alle Einhüllung und Verhüllung in schärfster Radikalität zu verzichten.
Hierzu, so könnte man hoffen, sei allein das Alter in der Moderne befähigt. Wer aber die eifrigen Alten in den Altersstudien der Universitäten und Volkshochschulen und auf den Urlaubsinseln des Südens beobachtet, dem geht auch diese letzte Hoffnung verloren. Denn diese Alten sind auf der Flucht. Sie fliehen in gehaltloses Wissen, in sinnentleerte „Wellness“ oder in fragwürdige Anti-Aging-Programme. Sie wagen es nicht, sich ihrem Selbst, sich ihrer eigenen Situation zu stellen. Und so holt sie die Torheit – wo sie auch gehen und stehen – wie der Igel den Hasen ein. Sie lassen sich „schulen“ und blenden, mit „Wissen“ füttern und verblenden. Sie lernen nichts und lernen erst recht nichts hinzu.
Sie belügen sich selbst und werden belogen – und lassen’s gerne geschehen. Sie bleiben, ganz wie die Jugend – unmündig bis zum verblödeten Ende.
Denn Mündigkeit setzte den Mut zum eigenen Denken voraus. Sapere aude! Mündigkeit setzte den Mut voraus, sich nicht mehr mit Absichten zu begnügen. Sie setzte das Ende des Hoffens voraus, Rechtsverhältnisse könnten sich an Stelle bloßer Machtverhältnisse durchsetzen. Es ist nicht die Stärke des Rechts, die siegt, sondern das Recht des Stärkeren.
So fallen sie denn auf die sogenannten „Privilegierten“ und „Prominenten“ herein, die ihre Herrschaft allein dadurch legitimieren, dass sie privilegiert sind. Wer sich auf den Großen Bühnen der Welt mit Auszeichnungen überhäuft oder wer auf Staatsempfängen die Großen Ehrungen erfährt, der betrügt sich selbst und er betrügt die Welt. „Der ochlokratische Fremdbetrug“, formuliert der Philosoph Hans Ebeling, „ist die Auszeichnung der Rotten und Clans, Parteien und Klüngel als privilegierter Klassen, deren Herrschaft dadurch legitimiert werden soll, dass sie privilegiert sind. Der Fremdbetrug der Ochlokraten, der Herrschaft des Pöbels, fungiert und funktioniert solange, wie nicht durchschaut ist, dass sie sich selbst privilegieren. Charakteristisch ist die Ausbeutung durch Arbeit und das Kassieren der Arbeitsleistung. Wenn am Ende des Jahrhunderts und nach dem Zusammenbruch des europäischen Staatsmarxismus von 1989 sich das Wort vom „Wohlstandsmüll“ verbreiten konnten (Kranke und andere Arbeitlose waren damit gemeint), so lenkt uns dies günstig zurück in die ‚vorpolitische’, ochlokratische, pöbelhafte Lebenspraxis, statt vorzeitig in die prägnant politische, die nur die Rede von den ‚unnützen Essern’ erneuert hat. Die Alten sind schließlich die unmittelbar Betroffenen. Und Nachsicht mit diesem Betrug ist schwerlich möglich.“
Die pöbelhafte Lebenspraxis der Moderne ist die Ausgrenzung der ‚Senioren’. „Sie ist“ so Ebeling“ ;nicht aufhebbar und schon gar nicht im 21. Jahrhundert bei akzelerierter ‚Altenakkumulation’. Die Privilegierung der Jüngeren ist freilich nur wildwüchsige Auszeichnung. Die Lebenspraxis der Moderne regrediert dadurch auf die Leistungspraxis des Berufssports. Der Hochleistungssport wird vorbildlich für alles Leisten. Das Alter, das hier nicht ‚mithalten’ kann, vermag aber den Betrug soweit aufzulösen, das menschlich-bewusste Existieren nicht als ein sportliches Ereignis zu nehmen.“ Jedenfalls ist einer Minderheit der Alten dieser Weg offen.
Das Alter muss wissen, dass der Suizid als Antwort erwünscht ist, keinesfalls unverwünscht, wie es für Caesar der Tod des Cato war. Dem Alter bleibt daher nur die Gelegenheit zur Denunziation der Weltgeschichte als das, was sie ist. Und sie ist nicht das Weltgericht. Die Deutung ist erst der Inbegriff desjenigen Betrugs, der nicht toleriert werden kann.
Was also das Alter auch politisch lehrt, ist das Bescheidene der Unabhängigkeit, des Urteils ohne Rücksicht auf die Mehrheitsfraktionen. Das Alter muss die allgemeine Gleichgültigkeit erkennen, die als Gelassenheit daher kommt. Das Alter muss das inhaltslose Denken entlarven, das in den allgemeinen Worten vom Wahren und Guten, von der Weisheit und Tugend gepriesen wird, denn, obwohl allgemein erhebend, kommen die Worte als Taten niemals zur Ausbreitung – und so fangen sie an, bald Langeweile zu verbreiten.
Die Alten müssen es lernen, ihr eigenes Leben zu leben, generativ und als Teil der Gemeinschaft. Nur wenn sie aktiv an den Problemen mitarbeiten, vor denen die Gesellschaft steht, und dabei ihre im Laufe des Lebens erworbene Einsichten, Weisheit und Generativität behutsam einsetzen, hinterlassen sie ihren Enkeln ein Vermächtnis, das darin besteht, dass sie bei der Gestaltung der Zukunft helfen und die Generativität des menschlichen Gemeinwesens entfalten und bewahren.
Nur durch ihr Handeln werden die heutigen Alten ein neues Bild des Alters schaffen – „das Bild“, wie die Altersforscherin Betty Friedan sagt: „von freien und heiteren Menschen, die mit dem Schmerz leben und endlich fähig sind zu sagen, was sie wirklich denken und fühlen; die wissen wer sie sind, und begreifen, dass sie mehr wissen, als sie je zu wissen glaubten; die keine Angst vor dem haben, was andere von ihnen denken; die voller Staunen in die unbekannte Zukunft gehen, die sie für die nach ihnen kommenden Generationen mitgestaltet haben.“
Diese Generationen werden keine solche Angst mehr vor dem Alter haben und es nicht verleugnen müssen, wenn die heutigen Alten ihr Alter für neue Abenteuer verwenden und die „alten Vorschriften und Hemmungen durchbrechen“, wenn sie „die Muster und Möglichkeiten verändern – in der Arbeit und in der Liebe, beim Lernen und beim Spiel, in der Religiosität und der Kreativität, in der Erkenntnisfindung und der politischen Verantwortung“ – und wenn sie „die angeblich unlösbaren Widersprüche zwischen all diesen Punkten überwinden.“
Gerd Heming, 2007
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Die Schule der Alten
Das Umfeld, in dem gelingendes Altern heute stattfinden kann, ist gut. Die psychischen, physischen, sozialen, kulturellen und ökonomischen Voraussetzungen stimmen . zumindest im großen und ganzen. Viele Alte erkennen die Chancen, sie nutzen sie. Sie wissen, dass das Alter jenseits ökonomischer Vernutzung und Ausbeutung Freiheit heißt. Abenteuer. Was soll das Gerede von „jungen“ Alten und „alten“ Alten? Jeder ist alt – ob acht oder achtzig.
Die modernen Alten denken in anderen Kategorien. Sie leben. Sie leben bewusster als jemals zuvor. Sie sind Generativ. Sie sind hellwach. Sie sind selbstbewusst. Die modernen Alten vergeuden ihr Leben nicht auf Reisen. Sie wissen, dass Reisende zwar viele Bekannte, aber kaum Freunde haben. Freundschaft gewinnt man nur durch Erfahrung, durch gemeinsame Erfahrung und Solidarisierung.
Die modernen Alten achten das Leben in all seinen Formen. Sie vergeuden es nicht in Trivialität und Nutzlosigkeit, sie verplempern nicht ihre kostbare Zeit. Sie entlarven schneller als andere Geschwätz als Geschwätz. Die gesellschaftlichen Diskussionen, die politischen Debatten, die Medien und die Medieninhalte, die den Ansprüchen der modernen Alten genügen, müssen erst noch erfunden werden.
Die modernen Alten wissen um den Wert der Zeit. Sie gehen achtsam mit sich selbst und mit ihrer Zeit um. Sie wissen um die Begrenztheit der Dinge und um die Endlichkeit ihres eigenen Lebens. Sie folgen klug den Prinzipien der Selektion, der Kompensation und der Optimierung. Sie wählen klug, verschaffen sich notwendige Mittel um Mängel auszugleichen und verbessern die jeweiligen Lebenslagen auf weise Art.
Die modernen Alten wissen um die ihnen eigene Würde. Menschenwürde bedeutet Anspruch auf geistige, seelische und körperliche Integrität. Sie wissen, dass ihnen Personenwürde zukommt, sofern sie diese für sich und für ihre Mitwelt erkämpfen. Menschenwürde ist allzeit gefährdet und faktisch antastbar, um ihre inhaltliche Ausfüllung muss täglich aufs Neue gerungen werden.
Die modernen Alten wissen um die derzeit dominierenden ökonomischen Imperative. Insofern ist ihr Leben risikobehafteter denn je. Medizinische Leistungen werden immer abhängiger von altersbedingten Zumutbarkeitskriterien. Verteilungsprobleme und Mittelknappheit werden diese Tendenz verschärfen.
Andererseits wissen die modernen Alten, dass sie Objekte ökonomischer Begehrlichkeiten und Begierden sind. Sie haben diese Gesellschaft aus Schutt und Asche ins wirtschaftliche Wunderland gebracht.. Keine andere Generation vor ihnen (und hoffentlich keine andere nach ihnen) hatte einen vergleichbar hoffnungslosen Start. Sie haben die Hoffnungslosigkeit überwunden und im Verlauf ihres Lebens Wohlstand erworben. Zum Wohl ihrer selbst – und zum Wohl der nach ihnen kommenden Generationen. Sie sind nicht Last, sie sind der Reichtum der Gesellschaft. Geistig. Seelisch. Materiell. Vor einiger Zeit berichtete die Zeitschrift „Der Spiegel“:: "Über die Jahre haben die heutigen Senioren Häuser gebaut, Firmen gegründet; sie haben Wohlstand geschaffen und ihn gemehrt. Mit 5,7 Billionen Mark besitzen sie inzwischen einen überproportional großen Anteil des gesamten privaten Vermögens, den die Kölner „BBE-Unternehmensberatung“ auf 12,8 Billionen Mark taxiert: 45 Prozent liegen in den Händen der über 55-Jährigen - obwohl sie nur 28,8 Prozent der Bevölkerung ausmachen. "Noch nie in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland", so die „BBE“-Ökonomen, "waren so große Vermögen bei den Älteren akkumuliert. "Vor allem ihr Besitz an Grundstücken, Wohnungen und Häusern hat die Senioren wohlhabend gemacht. Etwa die Hälfte der über 65-jährigen Westdeutschen besitzt eine Immobilie, ihr Wert beträgt laut DIV-Rechnung im Schnitt 410 000 Mark. In Ostdeutland verfügt immerhin jeder fünfte Rentner über eine Haus oder eine Wohnung im Wert von 149 000 Mark. Der gigantische Immobilienbesitz zeigt, dass die gesetzliche Rente nicht mehr das einzige Instrument der Altersvorsorge ist. 78,7 Prozent ihres Einkommens beziehen Rentner zwar noch aus der Altersrente, mehr als ein Fünftel aber stammt aus anderen Quellen, vor allem aus Kapitaleinkünften: 12,4 Prozent des Einkommens verdienen die Alten aus Zinserträgen oder Vermietungen, 3,6 % aus privaten Transfers wie Betriebsrenten." Sie, die Alten, haben dieses unser Land zu dem gemacht, was es heute ist: zu einem der angesehensten und bedeutendsten Staaten unter den Staaten der Weltgemeinschaft“.
Die modernen Alten sind selbstbewusst und generativ. Sie blicken zurück auf ein weitgehend gelungenes Leben. Sie haben die Illusionen und Erwartungen der Jugend hinter sich gelassen. Sie sind frei von jeglichem Jugendlichkeitswahn. Sie wissen, dass das Streben nach Jugendlichkeit blind macht für die Möglichkeiten des Alters. Die Verdrängung des Alters blockiert jede Weiterentwicklung und verhindert, dass sich Lebensmöglichkeiten eröffnen, die denen, die realistisch Stellung beziehen, zur Verfügung stehen. Sie haben erkannt, dass alle, die in der Jugendfalle stecken, die Potenziale des Alters unmöglich wahrnehmen können.
Die modernen Alten wissen, dass allein der Erwerb von materiellen Gütern das Leben nicht füllt. Sinnvolles leben und Glück sind marktwirtschaftlich nicht herstellbar. Sie runden ihr Leben ab. Sie sind auf dem Weg zu den wahren Werten. Sie machen aus ihrem Leben ein Meisterwerk - aus Lebenskunst geboren. Sie wissen, dass das, was sie sind, immer auch höchst gefährdet ist.
„Erfolgreich Altern“, formuliert der holländische Moraltheologe Wils, „setzt an erster Stelle Solidarisierung der Alten voraus. Nur in solidarischer Ermutigung können die vielen Schritte getan werden, die immer dringlicher werden, falls die „Würde“ des Alters erhalten werden sollte. Diese Solidarisierung muss aber auch den jüngeren Generationen gelten. Als zweite Stufe muss eine Politisierung der Alten gelingen. Nur in gemeinsamer Interessenvertretung und nicht in der Abtretung von Interessen können konkrete Veränderungen anvisiert werden. Feiertagsreden oder die Proklamation von Absichtserklärungen genügen nicht. Diese Politisierung muss lokal ansetzen. Ziel dieser Politisierung müssen Kurskorrekturen auf lokaler und auf globaler Ebene sein. Es ist Aufgabe des Gemeinwesens – durch entsprechende Anreize – Wohn- und Lebensformen zu fördern, welche der zunehmenden Isolierung von Menschen, dem Zerfall von Sozialstrukturen und der Aushöhlung verbindlicher Lebensformen entgegentreten“.
Gerd Heming, 2003
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Das Alter ist ein Abenteuer
Altern findet heute in der Regel in einem gesellschaftlichen Umfeld statt, wie es früheren Generationen verschlossen war. Vor einhundertfünfzig Jahren, also um 1850, betrug die mittlere Lebenserwartung der Menschen sechsunddreißig Jahre, vor zweitausend Jahren zweiundzwanzig. Noch 1957, dem Jahr, in dem die noch jetzt gültige großartige Rentenreform gesetzliche Kraft erhielt, wurden die Menschen in Deutschland im Mittel siebenundfünfzig Jahre alt. Heute, 2007, ist die menschliche Langlebigkeit in den entwickelten Ländern der Welt auf runde achtzig Jahre gestiegen. Summa summarum: In den vergangenen einhundertfünfzig Jahren fügten hygienische Umsicht, ein hohes Maß an körperlicher und geistiger Pflege sowie medizinischer Fortschritt und solidarisches Miteinander dem menschlichen Leben vierundvierzig wertvolle Jahre hinzu. Vierundvierzig zusätzliche Jahre! Jahre, die nicht nur verlebt, sondern gelebt - bewusst, selbstbestimmt und gelungen gelebt werden wollen.
Das Umfeld, in dem gelingendes Altern heute stattfinden kann, liefert Freiräume. Die psychischen, physischen, sozialen, kulturellen, ökologischen und ökonomischen Voraussetzungen sind zwar verbesserungsbedürftig, bieten aber noch immer Chancen. Während jedoch nur ein bestimmter Teil der älteren Menschen die Chancen, die ihnen das gesellschaftliche Umfeld bietet, nutzt, sinken rasant die Chancen derer, denen geistige Entwicklung und körperliche Pflege kein besonderes Anliegen war oder ist. Während ein abnehmender Teil der Alten das Leben jenseits ökonomischer Verwertbarkeit als neue Freiheit und nicht selten als Abenteuer empfindet und Generativität lebt, werden für die meisten die Schattenseiten des Alters, geistige und materielle Verarmung und Einsamkeit, immer bedrohlicher. Während die einen in Sportvereinen turnen, die Kurse der Volkshochschulen füllen oder die Angebote der Universitäten wahrnehmen und Geschichte, Soziologie, Psychologie oder Philosophie studieren, verkümmert das Leben anderer schweigend hinter verschlossenen Türen. Einiges aber ist allen älteren Menschen gemeinsam: sie haben soziale Kompetenz in ihrem Leben nie gelebt, sie sind - selbst im Studium – inaktiv und scheren sich einen Teufel um echten gesellschaftlichen Fortschritt-.
Dabei verfügen die modernen Alten über reiches faktisches und ebenso reiches strategisch- prozedurales Wissen. Sie verfügen über ein stattliches Wissen in den grundlegenden Fragen des Lebens. Sie wissen um die Lebenskontexte und um die stetigen gesellschaftlichen Veränderungen. Aber sie nutzen ihr Wissen, ihre Kompetenzen und ihre Erfahrungen nicht. In ihrem Handeln berücksichtigen die Alten nicht die Relativität von Werten und Lebenszielen – und sie nutzen nicht ihr Wissen, das die Unsicherheiten des Lebens einbezieht. Eher folgen sie dem aus dem Zeitgeist geborenen Jugendlichkeitswahn und machen sich lächerlich, weil sie ihr Alter leugnen. Sie verleugnen ihr Alter obgleich die Tiefenstruktur ihres Wissens weiß, dass die Verleugnung des Alters gleichbedeutend ist mit Unreife, Rückschritt und Verblendung. Sie sind nicht selbständig, nicht selbstbestimmt und nur selten selbstbewusst. Und dort, wo sie selbstbewusst erscheinen, ist es ein „Selbstbewusstsein“ geboren aus Arroganz. Sie besitzen Kompetenzen, Verstand und Vernunft. Aber sie bedienen sich dieser Potenziale nicht. Anstatt sich ihres eigenen Verstandes ohne Leitung durch andere zu bedienen, suchen sie süchtig gerade die Leitung der anderen auf und unterwerfen sich ihr. Statt ihr Leben abzurunden und daraus selbstbestimmt ein gelungenes Gesamtwerk zu machen, überlassen sie sich willig modischen Novitäten wie Wellness- oder Anti-aging-Programmen. Sie wissen nicht was sie tun. Denn sie wissen die Mittel der Intelligenz nicht zu nutzen. Sie verstehen sich weder auf intelligente Selektion noch auf kluge Kompensation – und erst recht verstehen sie sich nicht auf eine gelungene Optimierung der Lebensqualität.
Sie mischen sich nicht ein in die politischen und gesellschaftlichen Belange und verraten damit ihr eigenes gesamtes gelebtes Leben. Sie leben verkehrte Pädagogik! Verkehrte Pädagogik aber ist die Erziehung zur Maßstabslosigkeit. „Verkehrte Pädagogik“, sagt der Paderborner Philosoph Hans Ebeling, „tötet den Menschen, bevor er sich zum Menschen entwickeln kann. Indem sie den Lehrbub zum Lehrmeister macht, betrügt sie die Jugend um die besten Jahre des Lernens. Da diese Jahre nicht nachzuholen sind, produziert die verkehrte Pädagogik im strengen Sinne verlorene Generationen.“
Es könnte ganz anders sein! - Dazu aber müssten die Alten sich selbst erkennen und zu dem stehen, wer und was sie sind. Dann nämlich würden sie, um es mit der amerikanischen Altersforscherin Betty Friedan zu sagen, erkennen „dass die Funktion des Alters jenseits von Reproduktion und ökonomischer Verwertbarkeit auf andere Art etwas zur Erhaltung der Spezies beitragen muss. Sie muss über die persönliche Zukunft hinausgehen; denn wenn die Alten ihre Energien im Alter verbrauchen oder mit Trivialitäten und Spielerein verplempern, wenn sie ihre „Zeit totschlagen und das Alter und den Tod verleugnen“, dann verschleudern sie ihre „auf die Zukunft gerichtete Weisheit und Generativität“. Ihr Vermächtnis könnte mehr sein als nur die bedeutsamen Erinnerungen, die“ sie „für ihre Enkel aufschreiben. Sie können die Zukunft nicht vorhersehen“. Nur wenn sie „an den Problemen arbeiten, vor denen unsere Gesellschaft steht“, und dabei ihre im Lauf des Lebens „erworbene Weisheit und Generativität einsetzen“, hinterlassen sie ihren Enkeln „ein Vermächtnis, das darin besteht“, dass sie bei der „Gestaltung der Zukunft helfen und die Generativität des menschlichen Gemeinwesens entfalten und bewahren“.
„Die Potenziale des Alters“, meint der Gerontologe E. Olbrich, „sind kein Thema, das in beeindruckender Medienberichterstattung, in sozialpolitischen Zielvorgaben oder in wissenschaftlichen Kongressen häufig auftaucht. Potentiale des Alters haben sich – so wird argumentiert – bei Personen entwickelt, Institutionen haben sie kaum einmal aufgegriffen noch haben sie sie nennenswert gefördert. Institutdenken scheint den Blick für die Wahrnehmung von Potentialen des Alters eher zu verstellen und ihre Berücksichtigung zu erschweren“. Dass dem so ist, daran sind die heutigen Alten selber schuld. Wenn dem so ist, welche eine Verschwendung dann! Keine Gesellschaft, die im globalen Spiel bestehen und überleben will, kann sich diese Verschwendung leisten.
Zweifellos hat die Akzentuierung der Defizite des Alters statt der Potenziale des Alters eine ihrer Quellen im Institutdenken. Aber auch im Denken der Macher, in den Redaktionen der Medien, in den Köpfen der Manager der privaten und öffentlichen Einrichtungen, in den Köpfen der Intendanten und Intendanzen hat die Akzentuierung der Defizite weiten Raum. Vorurteile und Stereotype verhindern in Bezug auf das Alter allzu häufig ein von Vernunft geleitetes Denken und Handeln.
Aber die modernen Alten kommen. Sie mischen sich immer vernehmbarer, kreativ und innovativ in die gesellschaftlichen Belange ein. Die Arbeitslosigkeit gerade unter den über fünfzigjährigen sinkt ja nicht wegen irgendwelcher Hartz-Gesetze, sondern sie sinkt, weil kluge Unternehmer den Wert des Alters zunehmend erkennen.
Eine Forschergruppe, gefördert vom Bundesministerium für Bildung und Forschung schrieb 1999 im „Zukunftsreport demografischer Wandel“: „Gerade in einer modernen Wissens- und Dienstleistungsgesellschaft werden Erfahrungswissen und Qualifikationskultur sowie lebensbegleitendes Lernen und der Transfer von Wissen zu strategischen Wettbewerbsvoraussetzungen für die Individuen wie für Unternehmen dringend gebraucht. (...) Es gibt keinerlei Belege dafür, dass mit zunehmenden Alter die Fähigkeit, sich produktiv an Innovationsprozessen zu beteiligen, nachlässt. (...) Nach vorliegenden Erkenntnissen können von Älteren Aufgaben besser erfüllt werden, die vertraut und trainiert sind, die autonom bearbeitet werden können, komplexe Arbeitabläufe beinhalten und für deren Beherrschung Erfahrung eine wichtige Rolle spielt, die soziale Kompetenzen voraussetzen und deren Erfüllung Kenntnisse über betriebliche Abläufe und informelle Beziehungen voraussetzt“
Gerd Heming, Münster, 07. November 2007
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Das Schweigen der Alten
Es ist, gelinde gesagt, eine eigenartige Denkweise, wenn gerade die Alten denken, Altern sei eine Krankheit, die zu behandeln möglich sei. Altern ist keine Krankheit. Altern ist nicht behandelbar. Vom Tage unserer Geburt an altern wir, vom Tage unserer Geburt an sterben wir.
Da helfen auch nicht der so oft beschworene Jugendlichkeitswahn oder Anti-aging-Programme. Sie sind Irrwege, geistige Verirrungen - eben wahnhaft. Wer sich ihnen verschreibt, wer sich ihnen ausliefert, wer ihnen wie in einem religiösen Fieber verfällt, gibt seiner Vernunft den finalen Schuss. Er tötet das, was den Menschen zum Menschen macht.
Warum nur sind ausgerechnet Geist und Macht ein deutsches Problem? Woher kommt diese untertänige Begeisterung vor der angeblichen Macht? Warum kämpfen Menschen schier bis zum letzten Atemzug für ihre Verknechtung, als ginge es um ihr Seelenheil?
Ist es die Macht des Wortes, die Menschen tötet? Ist es die Dumpfheit des herrschenden Systems? Ist es die hinterlistige Raffinesse dieses Systems? Es ist nicht leicht, Menschen zu ihrem Glück zu überreden, aber es ist relativ leicht, sie zu ihrem Unglück zu überreden. Die eigene Dämlichkeit wird zum Kult erhoben.
Die Alten bleiben stumm. „Uneinsichtig, erinnerungslos und ohne Einkehr verläuft und endet das Leben der Meisten“, sagt der Paderborner Philosoph Hans Ebeling, „sie lassen das Alter verstreichen wie das ganze bisherige Leben selbst. Ein Leben ohne Einsicht, Erinnerung und Einkehr ist nicht ‚lebensunwert’, aber belanglos. Die Humanität gebietet, noch das Belanglose zu schützen. Aber besondere Achtung darüber hinaus kann solchem weithin ‚bewusstlosen“ Lebensvollzug nicht zugebilligt werden“. Die aber, so der Philosoph, also jene, die ohne Einsicht, ohne Erinnerung, ohne Einkehr seien, würden den Weltenlauf bestimmen. „Sie missbrauchen noch das *Weltgericht’. Sie ergeben sich dem Trost oder der Trostlosigkeit des Alters. Das Ende der Torheit setzt dagegen voraus, von sich aus aus der Zeitgenossenschaft herauszufallen. Spätestens für das Aller gibt es nur eine ‚Überlebensform’ des Geistes: Unzeitgemäß zu sein“.
Die Alten bleiben immer noch stumm. Wie aber soll ein stummes Alter Achtung gebieten? Das ist umso verwunderlicher, wenn man bedenkt, dass die Deutschen ein Volk des Alters sind.
Warum lassen dann aber die Deutschen es zu, dass das Alter und der demografische Wandel im derzeitigen Wahlkampf kein Thema sind? Wo bleiben jene Fragen, die das Alter um seiner selbst und um seiner Achtung willen stellen sollte?“ Ist den Alten nicht klar, dass Fragen, die nicht gestellt werden, logischerweise ohne Antwort bleiben?
Ist es denn wirklich der Jugendlichkeitswahn und die wahnhafte Hoffnung auf Anti-aging-Programmen, die den Alten die Lippen verschließen?
Solange die Alten an den Illusionen und Erwartungen der Jugend festhalten und das, was sie wollen nur in diesem Kontext sehen, verstricken sie sich in ein immer verzweifelteres Spiel, das sie nur verlieren können. Das Streben nach Jugendlichkeit macht blind für die Möglichkeiten des Alters. Die Verdrängung des Alters blockiert jede Weiterentwicklung und verhindert, dass sich Lebensmöglichkeiten eröffnen, die den Alten, wenn sie realistisch Stellung bezögen, zur Verfügung stünden. Solange sie in der Jugendfalle stecken, können sie die Potenziale des Alters gar nicht wahrnehmen. Die eigene Haltung verhindert die Entwicklung von fruchtbaren Lösungen.
Es ist längst wissenschaftlich belegt, dass die Entwicklung der Intelligenz, die Fortbildung des individuellen Selbst, die Entfaltung von Kompetenzen und Generativität bis ins hohe Alter, bis ins hundertste Lebensjahr und darüber hinaus möglich ist. Sicher ist aber auch, dass die Wahrscheinlichkeit, die letzten Lebensjahre in einer Alten- oder Pflegeeinrichtung zu verbringen, mit zunehmendem Alter bis auf nahezu hundert Prozent in die Höhe schnellt.
Aber das ist in Deutschland kein Thema – und die Altern schweigen. Sie lassen es zu, dass ihre Kompetenzen und Potentiale ungenutzt bleiben. Sie lassen es zu, dass so ein gesellschaftlicher und volkswirtschaftlicher Schaden entsteht, der unermesslich und unersetzlich ist.
So bleibt die Macht in den Händen der Uneinsichtigen und Unbelehrbaren. Zu erinnern bleibt der über Jahrtausende anhaltenden Stillstand der Geschichte aus dem anhaltenden Willen zur Macht. „Der tragische Stil der Geschichte“, so Hans Ebeling, „ist nicht allein dadurch bestimmt, dass Verwirrungen selbstinszeniert werden. Tragisch ist, dass eigentlich nichts geschieht als die Aufsteigerung und Abgleichung blanker Selbsterhaltungsquanten. Handelte es sich nicht um die Geschichte von Menschen, wäre es möglich , das Komödiantentum in der Tragödie mehr zu schätzen“.
Unverzeihlich ist das Schweigen der Alten besonders dort, wo es um die Lebensqualität ihrer Alten, der über 80jährigen, geht. Unverzeihlich ist es und verachtungswürdig, dass die Alten nicht geschlossen gegen das heutige Anstalts- und Heimsystem aufstehen und kämpfen.
Das heutige Anstalts- und Heimsystem entstand als Problemlösung des 19. Jahrhunderts für den Ausgleich zwischen Stärkeren und Schwächeren - unter den Bedingungen der beginnenden Industrialisierung und Marktwirtschaft war es segensreich und oft lebensrettend. Viele Gründe zwingen jedoch im 21. Jahrhundert das Heimsystem auf den Prüfstand, um zu klären, ob und in welchem Umfang es heute noch den Belangen der Alten, Pflegebedürftigen, geistig Behinderten, psychisch Kranken und der (behinderten) Kinder und Jugendlichen angemessen sein kann - und überhaupt muss. In all diesen Bereichen der Hilfebedürftigkeit sind längst ambulante kommunale Alternativen, die eine Integration der Betroffenen ermöglichen, bekannt. Sie werden bisher aber nur unzureichend angeboten. Insofern sind wir in den Umbau des Heimsystems bereits eingestiegen, es ist aber an der Zeit, ihn systematisch zu erfassen und behutsam zu steuern, damit nicht gerade die Verletzlichsten in der Gesellschaft seine Opfer werden. Der Umbau ist insbesondere gesetzgeberisch sowie sozialpolitisch zu begleiten, wie dies z.B. in einigen skandinavischen Staaten bereits geschieht.
Die Solidarität mit den Hilfebedürftigen wird in Zukunft stärker als bisher zu einer gesamtgesellschaftlichen Aufgabe werden, da dem - vor allem demographisch bedingten - Anstieg der Zahl der Hilfebedürftigen eine Abnahme der verfügbaren Geldmittel und eine Abnahme der Tragfähigkeit familiärer Netzwerke gegenüberstehen. Hinzu kommt, dass immer weniger alte wie behinderte Hilfebedürftige bereit sind, in ein Heim zu gehen, weil sie dies für unvereinbar mit ihren Persönlichkeitsrechten halten. Dies wirft auch verfassungsrechtliche Fragen auf ("besonderes Gewaltverhältnis"): vor allem die Frage nach der Verantwortbarkeit des Lebens in Heimen für heutige Menschen. Schließlich können wir auch nicht mehr die Augen davor verschließen, dass es Heimen zunehmend schwer fällt, auch nur die Mindeststandards der Versorgung einzuhalten oder entlassbare Heimbewohner auch tatsächlich zu entlassen.
Die Institution "Heim" ist als Versorgungstyp eine Innovation vor allem des 19. Jahrhunderts, als die Bürger unter den Gegebenheiten der beginnenden Moderne ihre "Sorge für Andere" zunehmend auf die abstrakteren Geldleistungen umstellten. Das "Heim" kann jedoch den Ansprüchen der Individualisierung und der expandierenden Persönlichkeitsrechte der post- oder spätmodernen Menschen des 21. Jahrhunderts nicht mehr gerecht werden. Daraus ergibt sich eine Doppelaufgabe: Zum einen müssen schon jetzt real existierende Missstände pragmatisch angegangen werden. Ebenso gilt es, ambulante kommunale Hilfestrukturen weiterzuentwickeln und auf eine breite Basis zu stellen, um den notwendigen Halt in die Lebenswelt der Menschen zu holen. Der Gesellschaftsvertrag zwischen Menschen mit mehr und Menschen mit weniger Sorgebedarf ist auf eine neue, zeitgemäße Basis zu stellen.
Haben wir also aus all diesen Gründen das Hilfesystem für den Ausgleich zwischen Schwächeren und Stärkeren im Sinne der "community care" dahin zu entwickeln, dass Heime so weit wie möglich reduziert und dafür besser ausgestattet werden und an deren Stelle zunehmend ein ambulantes kommunales Hilfesystem tritt? Oder gibt es bessere Wege? Und haben wir die eher zunehmende Bereitschaft der Bürger zu (selbstbestimmtem) freiwilligem sozialen Engagement als Signal zu verstehen, nicht mit noch mehr Geldmitteln, wohl aber - wie vor dem 19. Jahrhundert - mit mehr Sachmitteln solidarisch für Andere einzustehen, um ihren Anspruch auf soziale Teilhabe zu erfüllen und dies für den richtigen Weg zur Weiterentwicklung einer Bürger- oder Zivilgesellschaft zu halten?
Gerd Heming, August 2009
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Aufstand der Alten
Keine Bange! Den Aufstand der Alten wird es nicht geben. Nicht jetzt. Nicht auf absehbare Zeit. Denn solange die Alten sich hinter Synonymen verstecken, solange die Politik beispielsweise für sie „Senioren“-politik macht und nicht Politik für Alte, solange stehen sie nicht zu dem, was sie sind: Alt. Die Alten wollen getäuscht werden – und werden getäuscht. Sie sind Schachfiguren in einem Spiel, an dem sie nicht beteiligt sind. Nur so ist es zu verstehen, dass zum Beispiel die Rentenpolitiker mit ihnen machen, was die Rentenpolitiker willkürlich wollen. Nur so ist es zu verstehen, dass die Ältesten der Alten in Pflegeeinrichtungen vergessen dahin vegetieren.
Es ist - gelinde gesagt - eine eigenartige Denkweise, wenn gerade die Alten denken, Altern sei eine Krankheit, die zu behandeln möglich sei. Altern ist keine Krankheit. Altern ist nicht behandelbar. Vom Tage unserer Geburt an altern wir, vom Tage unserer Geburt an sterben wir.
Da helfen auch nicht der so oft beschworene Jugendlichkeitswahn oder Anti-aging-Programme. Sie sind Irrwege, geistige Verirrungen - eben wahnhaft. Wer sich ihnen verschreibt, wer sich ihnen ausliefert, wer ihnen wie in einem religiösen Fieber verfällt, gibt seiner Vernunft den finalen Schuss. Er tötet das, was den Menschen zum Menschen macht.
Warum nur sind ausgerechnet Geist und Macht ein deutsches Problem? Woher kommt diese untertänige Begeisterung vor der angeblichen Macht? Warum kämpfen Menschen schier bis zum letzten Atemzug für ihre Verknechtung, als ginge es um ihr Seelenheil?
Ist es die Macht des Wortes, die Menschen tötet? Ist es die Dumpfheit des herrschenden Systems? Ist es die hinterlistige Raffinesse dieses Systems? Es ist nicht leicht, Menschen zu ihrem Glück zu überreden, aber es ist relativ leicht, sie zu ihrem Unglück zu überreden. Die eigene Dämlichkeit wird zum Kult erhoben.
Die Alten bleiben stumm. „Uneinsichtig, erinnerungslos und ohne Einkehr verläuft und endet das Leben der Meisten“, sagt der Paderborner Philosoph Hans Ebeling, „sie lassen das Alter verstreichen wie das ganze bisherige Leben selbst. Ein Leben ohne Einsicht, Erinnerung und Einkehr ist nicht ‚lebensunwert’, aber belanglos. Die Humanität gebietet, noch das Belanglose zu schützen. Aber besondere Achtung darüber hinaus kann solchem weithin ‚bewusstlosen“ Lebensvollzug nicht zugebilligt werden“. Die aber, so der Philosoph, also jene, die ohne Einsicht, ohne Erinnerung, ohne Einkehr seien, würden den Weltenlauf bestimmen. „Sie missbrauchen noch das *Weltgericht’. Sie ergeben sich dem Trost oder der Trostlosigkeit des Alters. Das Ende der Torheit setzt dagegen voraus, von sich aus aus der Zeitgenossenschaft herauszufallen. Spätestens für das Aller gibt es nur eine ‚Überlebensform’ des Geistes: Unzeitgemäß zu sein“.
Die Alten bleiben immer noch stumm. Wie aber soll ein stummes Alter Achtung gebieten? Das ist umso verwunderlicher, wenn man bedenkt, dass die Deutschen ein Volk des Alters sind.
Warum lassen dann aber die Deutschen es zu, dass das Alter und der demographische Wandel im derzeitigen Wahlkampf kein Thema sind? Wo bleiben jene Fragen, die das Alter um seiner selbst und um seiner Achtung willen stellen sollte?“ Ist den Alten nicht klar, dass Fragen, die nicht gestellt werden, logischerweise ohne Antwort bleiben?
Ist es denn wirklich der Jugendlichkeitswahn und die wahnhafte Hoffnung auf Anti-aging-Programmen, die den Alten die Lippen verschließen?
Solange die Alten an den Illusionen und Erwartungen der Jugend festhalten und das, was sie wollen nur in diesem Kontext sehen, verstricken sie sich in ein immer verzweifelteres Spiel, das sie nur verlieren können. Das Streben nach Jugendlichkeit macht blind für die Möglichkeiten des Alters. Die Verdrängung des Alters blockiert jede Weiterentwicklung und verhindert, dass sich Lebensmöglichkeiten eröffnen, die den Alten, wenn sie realistisch Stellung bezögen, zur Verfügung stünden. Solange sie in der Jugendfalle stecken, können sie die Potenziale des Alters gar nicht wahrnehmen. Die eigene Haltung verhindert die Entwicklung von fruchtbaren Lösungen.
Es ist längst wissenschaftlich belegt, dass die Entwicklung der Intelligenz, die Fortbildung des individuellen Selbst, die Entfaltung von Kompetenzen und Generativität bis ins hohe Alter, bis ins hundertste Lebensjahr und darüber hinaus möglich ist. Sicher ist aber auch, dass die Wahrscheinlichkeit, die letzten Lebensjahre in einer Alten- oder Pflegeeinrichtung zu verbringen, mit zunehmendem Alter bis auf nahezu hundert Prozent in die Höhe schnellt.
Aber das ist in Deutschland kein Thema – und die Altern schweigen. Sie lassen es zu, dass ihre Kompetenzen und Potentiale ungenutzt bleiben. Sie lassen es zu, dass so ein gesellschaftlicher und volkswirtschaftlicher Schaden entsteht, der unermesslich und unersetzlich ist.
So bleibt die Macht in den Händen der Uneinsichtigen und Unbelehrbaren. Zu erinnern bleibt der über Jahrtausende anhaltenden Stillstand der Geschichte aus dem anhaltenden Willen zur Macht. „Der tragische Stil der Geschichte“, so Hans Ebeling, „ist nicht allein dadurch bestimmt, dass Verwirrungen selbstinszeniert werden. Tragisch ist, dass eigentlich nichts geschieht als die Aufsteigerung und Abgleichung blanker Selbsterhaltungsquanten. Handelte es sich nicht um die Geschichte von Menschen, wäre es möglich, das Komödiantentum in der Tragödie mehr zu schätzen“.
Unverzeihlich ist das Schweigen der Alten besonders dort, wo es um die Lebensqualität ihrer Alten, der über 80jährigen, geht. Unverzeihlich ist es und verachtungswürdig, dass die Alten nicht geschlossen gegen das heutige Anstalts- und Heimsystem aufstehen und kämpfen.
Das heutige Anstalts- und Heimsystem entstand als Problemlösung des 19. Jahrhunderts für den Ausgleich zwischen Stärkeren und Schwächeren - unter den Bedingungen der beginnenden Industrialisierung und Marktwirtschaft war es segensreich und oft lebensrettend. Viele Gründe zwingen jedoch im 21. Jahrhundert das Heimsystem auf den Prüfstand, um zu klären, ob und in welchem Umfang es heute noch den Belangen der Alten, Pflegebedürftigen, geistig Behinderten, psychisch Kranken und der (behinderten) Kinder und Jugendlichen angemessen sein kann - und überhaupt muss. In all diesen Bereichen der Hilfebedürftigkeit sind längst ambulante kommunale Alternativen, die eine Integration der Betroffenen ermöglichen, bekannt. Sie werden bisher aber nur unzureichend angeboten. Insofern sind wir in den Umbau des Heimsystems bereits eingestiegen, es ist aber an der Zeit, ihn systematisch zu erfassen und behutsam zu steuern, damit nicht gerade die Verletzlichsten in der Gesellschaft seine Opfer werden. Der Umbau ist insbesondere gesetzgeberisch sowie sozialpolitisch zu begleiten, wie dies z.B. in einigen skandinavischen Staaten bereits geschieht.
Die Solidarität mit den Hilfebedürftigen wird in Zukunft stärker als bisher zu einer gesamtgesellschaftlichen Aufgabe werden, da dem - vor allem demographisch bedingten - Anstieg der Zahl der Hilfebedürftigen eine Abnahme der verfügbaren Geldmittel und eine Abnahme der Tragfähigkeit familiärer Netzwerke gegenüberstehen. Hinzu kommt, dass immer weniger alte wie behinderte Hilfebedürftige bereit sind, in ein Heim zu gehen, weil sie dies für unvereinbar mit ihren Persönlichkeitsrechten halten. Dies wirft auch verfassungsrechtliche Fragen auf ("besonderes Gewaltverhältnis"): vor allem die Frage nach der Verantwortbarkeit des Lebens in Heimen für heutige Menschen. Schließlich können wir auch nicht mehr die Augen davor verschließen, dass es Heimen zunehmend schwer fällt, auch nur die Mindeststandards der Versorgung einzuhalten oder entlassbare Heimbewohner auch tatsächlich zu entlassen.
Die Institution "Heim" ist als Versorgungstyp eine Innovation vor allem des 19. Jahrhunderts, als die Bürger unter den Gegebenheiten der beginnenden Moderne ihre "Sorge für Andere" zunehmend auf die abstrakteren Geldleistungen umstellten. Das "Heim" kann jedoch den Ansprüchen der Individualisierung und der expandierenden Persönlichkeitsrechte der post- oder spätmodernen Menschen des 21. Jahrhunderts nicht mehr gerecht werden. Daraus ergibt sich eine Doppelaufgabe: Zum einen müssen schon jetzt real existierende Missstände pragmatisch angegangen werden. Ebenso gilt es, ambulante kommunale Hilfestrukturen weiterzuentwickeln und auf eine breite Basis zu stellen, um den notwendigen Halt in die Lebenswelt der Menschen zu holen. Der Gesellschaftsvertrag zwischen Menschen mit mehr und Menschen mit weniger Sorgebedarf ist auf eine neue, zeitgemäße Basis zu stellen.
Haben wir also aus all diesen Gründen das Hilfesystem für den Ausgleich zwischen Schwächeren und Stärkeren im Sinne der "community care" dahin zu entwickeln, dass Heime so weit wie möglich reduziert und dafür besser ausgestattet werden und an deren Stelle zunehmend ein ambulantes kommunales Hilfesystem tritt? Oder gibt es bessere Wege? Und haben wir die eher zunehmende Bereitschaft der Bürger zu (selbstbestimmtem) freiwilligem sozialen Engagement als Signal zu verstehen, nicht mit noch mehr Geldmitteln, wohl aber - wie vor dem 19. Jahrhundert - mit mehr Sachmitteln solidarisch für Andere einzustehen, um ihren Anspruch auf soziale Teilhabe zu erfüllen und dies für den richtigen Weg zur Weiterentwicklung einer Bürger- oder Zivilgesellschaft zu halten?
Wenn die Alten sich nicht untereinander in zielorientierten Organisationen verbünden, geschieht in der Tat, was geschrieben steht: Jeder stirbt für sich allein
Gerd Heming (Vors.) August 2011
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Der Philosoph
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Aufklärung
Aufklärung ist der Aus-gang des Menschen aus seiner selbstver-schuldeten Unmün-digkeit. Un-mündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung durch Andere zu bedienen. Selbst-verschuldet ist die Unmündigkeit, wenn die Ursache nicht im Mangel des Verstandes, sondern der Ent-schließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung zu be-dienen. Habe Mut, dich deines eigenen Ver-standes zu bedienen!
Faulheit und Feigheit sind die Ursachen, warum ein großer Teil der Menschen, nachdem sie die Natur längst von fremder Leitung frei gesprochen, dennoch gerne zeitlebens unmündig bleiben und warum es anderen so leicht wird, sich zu deren Vormündern aufzuwerfen, Es ist so bequem, unmündig zu sein. Habe ich ein Buch, das für mich Verstand hat, einen Seelsorger, der fr mich Gewissen hat, einen Arzt, der für mich die Diät beurteilt, usw.: so brauche ich mich ja selbst nicht zu bemühen. Ich habe nicht nötig zu denken, wenn ich nur bezahlen kann; andere werden das verdrießliche Geschäft schon für ich übernehmen. Daß der bei weitem größte Teil der Menschen (darunter das ganze schöne Geschlecht) den ‘Schritt zur Mündigkeit, außer dem, daß er beschwerlich ist, auch für sehr gefährlich halte: dafür sorgen schon jene Vormünder, die die Oberaufsicht über sie gütigst auf sich genommen haben. Nachdem sie ihr Hausvieh zuerst dumm gemacht haben und sorgfältig verhüteten, daß diese ruhigen Geschöpfe ja keinen Schritt außer dem Gängelwagen, darin sie sie einsprerreten, wagen durften: so zeigen sie ihnen nachher die Gefahr, die ihnen droht, wenn sie es versuchen, allein zu gehen. (Kant)
Handle so, daß die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne.
Handle so, als ob die Maxime deiner Handlung durch deinen Willen zum allgemeinen Naturgesetze werden sollte.
Handle so, daß du die Menschheit, sowohl in deiner Person, als in der Person eines jeden anderen, jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchst. (Kant)
Wenn es keine Unahängigkeit von den bestimmenden Ursachen der Sinnenwelt gibt, fällt die praktische Freiheit dahin, und es regiert ein strenger Determinismus (Kant).
Genuss
In der ersten Lebensform, der des Genusses, ist die Bestimmung des Glücks nicht zu finden. Wer nur dem Genuss frönt, lebt „sklavenartig“ und „das Leben des Viehs“ – ein tierisches, kein eigentlich menschliches Leben, weil er das nicht einsetzt, was den Menschen vom Tier unterscheidet: Vernunft und Sprache.
Als zweite Lebensform nennt Aristoteles die politische – und in diesem politischen Leben können die Menschen ihr Glück finden. Dies wird nur verständlich wenn man eine grundlegende Annahme des Aristoteles über das menschliche Wesen berücksichtigt: er sagt, der Mensch sei das von Natur auf das Leben in der Polis (der geordneten politischen Gemeinschaft) hin angelegte Lebewesen. Das höchste Gut für den Menschen lasse sich nur im gemeinschaftlichen politischen Leben und Handeln verwirklichen; niemals lasse es sich individuell erreichen. Daher wird die politische Wissenschaft die wichtigste und leitendste bei der Frage nach dem höchsten Gut: „Denn sie bestimmt, welche Wissenschaften in den Staaten vorhanden sein müssen, welche ein jeder lernen muss und bis zu welchem Grade man sie lernen muss (...). So dürfte wohl ihr Ziel die Ziele aller anderen mit umfassen; dann wäre also dieses das Gute für den Menschen. Mag nämlich auch das Gute dasselbe sein für den Einzelnen und den Staat, so scheint es doch größer und vollkommener zu sein, das Gute für den Staat zu ergreifen und zu bewahren“ (Aristoteles)
Freiheit
Wenn es keine Unabhängigkeit von den bestimmenden Ursachen der Sinnenwelt gibt, fällt alle Freiheit dahin, und es existiert ein reiner Determinismus (Kant)
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