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Demographische Aspekte zur gesellschaftlichen Bedeutung des Alters
„In einer endlichen Welt mit begrenzten Ressourcen wird das Wachstum der Menschheit mit Sicherheit auf die eine oder andere Weise zu einem Ende kommen. Auf welche Weise aber dieser Wachstumsstopp erreicht wird, diese Frage wird für die Menschheit entscheidend sein“ (Funkkolleg Humanökologie, Einführungsbrief, Tübingen 1991, S. 43)
Was hat dieses Zitat mit der Frage nach der gesellschaftlichen Bedeutung des Alters in und für unsere Gesellschaft zu tun? - Viel. Denn Alter besitzt, wie dargelegt werden wird, in der heutigen Zeit gesellschaftliche Bedeutung, und insofern es gesellschaftliche Bedeutung besitzt, nehmen alte Menschen in demokratischen Gesellschaften schon aufgrund ihrer wachsenden Zahl zunehmend an gesellschaftlichen Entscheidungen teil, etwa an der politischen Willensbildung, und damit direkt oder indirekt auch an der Entscheidung, ob und auf welche Weise das Wachstum der Menschheit gestoppt werden kann.
Im Folgenden wird anhand demographischer Daten der Tatsache nachgegangen, dass alte Menschen, abgesehen von Minderheiten, bis vor etwa 150 Jahren quantitativ-gesellschaftlich unbedeutend waren. Insofern sie Bedeutung besaßen, so war diese Bedeutung eher individueller, privater, familiärer und qualitativer Natur. Das lag zum einen daran, dass das Lebensalter der Menschen nur in relativ wenigen Fällen eine hohe Zahl an Jahren erreichte, zum anderen lag es daran, dass das Alter eben eine individuelle und familiäre aber keine gesellschaftliche Frage war.
Wird der Menschheit zu ihren Anfängen gefolgt, dann hat der anatomisch moderne Mensch vor etwa 400 000 Jahren die Bühne des Weltgeschehens betreten. G. Bräuer fasst die Entwicklung wie folgt zusammen: „Unser Kosmos ist vielleicht 20 Milliarden Jahre alt, das Sonnensystem etwa fünf, die Erde viereinhalb Milliarden Jahre. Seit etwa vier Milliarden Jahren gibt es Leben auf dieser Erde, Säugetiere jedoch erst seit 200 Millionen Jahren. Erste Primaten haben sich vor etwa 70 Millionen Jahren entwickelt; unsere Stammlinie hat sich von der der Schimpansen vor etwa sechs Millionen Jahren getrennt. Unsere ersten zweibeinigen Vorfahren (Australopithecus) lebten vor etwa vier Millionen Jahren; die Gattung Homo ist zwei Millionen Jahre, unsere Spezies Homo sapiens 400000 Jahre alt. Mit unseren nächsten heute lebenden Verwandten, den Schimpansen, teilen wir also nicht nur eine lange gemeinsame Entwicklung, sondern auch 98 Prozent unseres genetischen Materials“ (Bräuer, G.: Vom Puzzle zum Bild, In: Funkkolleg Der Mensch – Anthropologie heute, Tübingen 1992, Einführungsbrief, S. 21)
Folgen wir der Heiligen Schrift, so ist der Mensch nach Gottes Ebenbild geformt und in jenem Augenblick Mensch geworden, als er und sie, Adam und Eva, vom Baum der Erkenntnis aßen. „Und Gott schuf den Menschen nach seinem Bilde...; als Mann und Weib schuf er sie. Und Gott segnete sie und sprach zu ihnen: seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und machet sie euch untertan, und herrschet über die Fische im Meer und die Vögel des Himmels, über das Vieh und alle Tiere, die auf der Erde sich regen“ (Die Heilige Schrift, Mose, 1, 27/28).
Im Verlauf der Jahrtausende, vor der Eiszeit, während der Eiszeit, der Bronze- und der Eisenzeit, während der Antike, des Mittelalters und der Neuzeit wuchs die Zahl der Menschen sowohl kontinuierlich als auch diskontinuierlich. Naturgewalten, Klima, Katastrophen, Krankheiten, Pest und Kriege verhinderten oder unterbrachen immer wieder ein lineares Wachstum. Die unten aufgeführte Tabelle, die jedoch nicht explizit auf diese verschiedenartigen Kontinuitäten und Diskontinuitäten eingeht, zeigt die historische Entwicklung der Weltbevölkerung unter Verwendung folgender Daten: „a) United Nations (1973, S. 10), b) Zachariah/Vu (1988, S. 2), c) Bulatao et al. (1990, S. 5) und d) Berechnungen des Autors: (Birg, Herwig: Der überfüllte Planet. In: Funkkolleg Der Mensch – Anthropologie heute, Tübingen 1993, STE 27, S. 24)
(Tabelle 1: In der dargestellten Tabelle wurden die in der Originaltabelle enthaltenen Daten aus 1800, 1900, 1960, 1965, 1975, 1985, 2025, 2100 der besseren Übersicht wegen nicht aufgeführt, G.H.):
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Jahr
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Bevölkerungszahl in Millionen
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Jährliche Wachs-tumsrate in Prozent
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Verdoppelungszeit in Jahren
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Bis 7000 v. Chr.
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5 - 10
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Chr. Geburt
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200 - 400
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1650
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470 - 545
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°
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°
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1750
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629 - 961
|
°
|
°
|
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1850
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1128 - 1402
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0,0
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173
|
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1950
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2546
|
0,5
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139
|
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1990
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5272
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2,1
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35
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Zur Zeit um Christi Geburt lag, wie der Spalte 2 zu entnehmen ist, die geschätzte Weltbevölkerung bei 200 bis 400 Millionen. In den folgenden 1600 Jahren, also bis etwa 1650, hatte sie mit 470 – 545 Millionen nicht wesentlich zugenommen. Von einer Verdopplungszeit während dieser sechzehn Jahrhunderte kann nicht gesprochen werden. 1850 lag die Verdoppelungszeit der Weltbevölkerung allerdings bereits bei 173 Jahren, um diese Zeit wird die Weltbevölkerung auf 1,128 Milliarden bis 1,402 Milliarden geschätzt. 140 Jahre später, im Jahre 1990, betrug die Verdopplungszeit nur mehr 35 Jahren, in diesem Jahr betrug die Weltbevölkerung bereits 5,272 Milliarden. Aller Voraussicht nach wird die Weltbevölkerung bis zum Jahr 2025 auf 8,188 bis 8,415 Milliarden und bis zum Jahr 2100 auf etwa 15 Milliarden ansteigen.
Mit der Entwicklung der Weltbevölkerung ging die Entwicklung der Lebenserwartung nahezu gleichlaufend einher - bis, etwa ab Mitte des 18. Jahrhunderts, sich beide Linien zunehmend rasant, um nicht zu sagen explosionsartig, darstellen. H. Birg stellt diese Entwicklung pointiert so vor:
„Die mittlere Lebenserwartung bei der Geburt
- wird für die Bronzezeit bzw. die frühe Eisenzeit (Ende des dritten bis Anfang des ersten Jahrtausends v.Chr.) in Griechenland auf etwa 18 Jahre geschätzt,
- betrug zur Zeit von Christi Geburt in Rom rund 22 Jahre
- lag im Mittelalter in England bei 33 Jahren
- stieg in Deutschland von
- 34 Jahren im siebzehnten Jahrhundert über
- 36 Jahre im achtzehnten Jahrhundert und beginnenden neunzehnten Jahrhundert bis auf
- 57,7 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg und auf
- 72,2 Jahre bei Männern beziehungsweise 78,7 Jahre bei Frauen im alten Bundesgebiet heute (im Jahr 1992, G.H.);
- bei Auflösung der früheren DDR betrug sie dort 69,7 Jahre bei den Männern und 75,7 Jahre bei den Frauen.
- Die Lebenserwartung in Deutschland
- nahm nach 1950 zunächst um etwas mehr als ein Jahr pro Jahrzehnt zu,
- erhöhte sich in der Dekade nach 1970 um fast drei Jahre,
- dürfte im jetzigen Jahrzehnt (den 90er Jahren, G.H.) nochmals um zwei bis drei Jahre steigen“ (Birg, Herwig, ebenda, S. 9)
- Wenn wir uns verdeutlichen, dass die mittlere Lebenserwartung im Rom der Zeit um Christi Geburt bei 22 Jahren lag und noch Endes des 18. Jahrhunderts und zu Beginn des 19. Jahrhunderts lediglich 36 Jahre betrug, dann wird verständlich, warum das Alter, gesellschaftlich gesehen, in jenen Epochen deshalb kaum von Bedeutung war, weil ein „biblisches“ Alter allenfalls von einer Minderheit erreicht wurde.
Um es noch einmal zu wiederholen: Innerhalb des Zeitraums von rund 1850 Jahren stieg die mittlere Lebenserwartung von 22 Jahren (um Christi Geburt) auf 36 Jahren (1850). Das entspricht innerhalb eines Zeitraums von rund 1800 Jahren einem Zuwachs an Lebenszeit von 14 Jahren.
Von 1850 bis 1950 stieg die mittlere Lebenserwartung von 36 Jahren auf 57,7 Jahren. Das sind innerhalb eines Zeitraums von nur 100 Jahren 21,7 zusätzliche Lebensjahre für den einzelnen Menschen.
Doch während im Jahr 1950 die mittlere Lebenserwatung immerhin noch unterhalb von 60 Jahren lag, stieg sie, insbesondere ab 1970, auf eine mittlere Lebenserwartung von rund 80 Jahren im Jahr 2000. Innerhalb eines Zeitraums von nunmehr nur 50 Jahren gewannen die Menschen in den entwickelten Gesellschaften somit weitere 23 Jahre zusätzlicher Lebenszeit.
Bereits aus diesem kurzgefassten demographischen Nachgang lässt sich die quantitativ eher geringe Bedeutung der Alten für die Gesellschaften der Antike, des Mittelalters und der frühen Neuzeit ablesen. Dies änderte sich rapide mit dem Einsetzen der 1. Industriellen Revolution und nahm nach dem 2. Weltkrieg explosionsartige Züge an.. Die Menschen unserer jetzigen industrialisierten Gesellschaft werden immer älter - und mit ihnen altert die Gesellschaft insgesamt. In den vergangenen 150 Jahren gewannen die Menschen, gegenüber den vielen Jahrhunderten vorher, eine zusätzliche Lebenszeit von 44 Jahren.
Nach Berechnungen des Statistischen Bundesamtes lag der Anteil der über 65 jährigen Menschen im Jahr 1990 bei 14,9 Prozent (etwa 12 Millionen). Vorausgeschätzte Zahlen ergeben, dass dieser Anteil im Jahr 2000 bei 16,6 Prozent (etwa 13,3 Millionen), im Jahr 2010 bei 20 Prozent (etwa 16 Millionen) und im Jahr 2030 bei 26,6 Prozent (etwa 21,3 Millionen) liegen wird.
Allerdings ist die Bedeutung der Alten für die Gesellschaft aus demografischer Sicht, wie gesagt, nur von einer quantitativen Art. Die Demografie zeigt nur, was zahlenmäßig Fakt ist und welcher Trend sich ankündigt und was zu erwarten ist. Sie kann Grundlage sein für die Erfassung von Problemlagen, die sich aus der steigenden Anzahl älterer Menschen ergeben, wie z.B. für die Errechnung der Kosten, etwa der sozialen Kosten, die die Gesellschaft zu tragen hat bzw. der Kosten, die auf die Gesellschaft zukommen. Über die Qualität des Alters, über seine möglichen Potentiale, Qualitäten und Fähigkeiten, die ja unter Umständen nicht nur die sozialen Kosten auffangen, sondern darüber hinaus den gesellschaftlichen Nutzen um vieles steigern können, sagen die Zahlen nichts.
Die Fragen und die gesamtgesellschaftlichen Chancen, die sich aus den – noch unerschlossenen Potentialen – des Alters ergeben, sind vielfältiger Natur. Bevor jedoch diese Fragen und Chancen im einzelnen untersucht werden sollen und wir uns der Beantwortung dieser Fragen zuwenden und nach möglichen Lösungen für die Probleme suchen, sollte das Folgende am Ende dieses Kapitels nicht unerwähnt bleiben: Wenn von einer Überalterung unserer Gesellschaft gesprochen wird, so ist der Begriff „Überalterung“ eher irreführend. Das Problem, vor dem wir stehen, lässt sich m.E. wohl treffender mit „Entjüngung der Gesellschaft“ bezeichnen, denn die Überalterung einer Gesellschaft hängt nicht davon ab, dass die Menschen in ihr älter werden, sondern davon, dass die Fertilität sinkt. Allerdings darf nicht verkannt werden, dass am Sinken der Fertilität die älter werdenden Menschen nicht unbeteiligt sind.
Gerd Heming (2001)
Motivation und Zielsetzung
Die Motivation, die zur Auseinandersetzung mit grundlegenden Fragen zur Bedeutung des Alters für und in unserer Gesellschaft führte, entspringt einer tief empfundenen Herausforderung, die auf individuelle Erfahrungen mit Lebenskrisen zurück weist. Als Resultat der Krisen ergab sich ein Selbstbewusstsein, das die möglichst umfassende Selbstverantwortung für das Leben insgesamt einschloss und das es als seine uneingeschränkte Aufgabe sah, das Leben selbstbestimmt und selbstgesteuert zu leben. Zu sehr wirkten die Erfahrungen eines fremdkontrollierten Lebens nach, das diktiert war von Einflüssen anderer Personen, fremder Ansprüche, unreflektierter eigener und fremder Wünsche und äußerer Bedingungen und Anforderungen. Das neu gewonnene Selbstbewusstsein kann in seinen Konsequenzen mit dem verglichen werden, was Immanuel Kant fordert, nämlich: „ Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“ (Kant, I.: Brevier, Frankfurt a.M. 1974, S. 13).
Unter den tief empfundenen Herausforderungen des menschlichen Lebens ist die größte die Suche nach Antworten auf Fragen: Was ist das Leben? Was ist der Mensch? Was ist der Tod? – oder, wie Alfred North-Whitehead es formulierte: „What is it all about?“ ist.
Die Suche nach Antworten auf die großen Fragen führt konsequent immer wieder zu neuen Auseinandersetzungen mit dem Dasein und mit den Begegnungen in diesem Dasein. Denn während der Suche werden wieder und wieder Fragen an die Phänomene der Natur, der Gesellschaft sowie an die Phänomene der Seele und des Geistes gestellt. Für das Selbstverständnis und nicht zuletzt für das Selbstbewusstsein ist diese unablässige und unabschließbare Suche von fundamentaler Bedeutung. Denn wer zur Selbsterkenntnis und zur Klarheit über seine Stellung in der Welt und über die ihm tatsächlich zugewiesenen Aufgaben kommen will, muss Rechenschaft abgeben können über seine Haltung zum Leben und zum Tod. Wer befähigt sein will, an den großen Entscheidungen nach bestem Vermögen mitzuwirken, der muss die Auswirkungen dieser Entscheidungen in voller Selbstverantwortung tragen können.
Es ist dann folgerichtig, wenn der Weg der Suche etwa zu Vorlesungen von hervorragenden Denkern führt, wie etwa zu denen des Münsteraner Philosophen Josef Pieper. Vom ihm war unter anderem zu lernen, dass zur Selbstverantwortung eine bewusste und einsichtsvolle Auseinandersetzung mit allem, was den Menschen umgibt, notwendig gehört. Und noch etwas war von Josef Pieper zu lernen, nämlich: „dass wesentlicher als alles Fragen das Zuhören ist. Zuhören ist die Kraft, mit der die Wirklichkeit vernehmbar wird, und dieses wiederum ist nichts anderes als die Vernunft selbst:
- Es ist zwar schon viele Male gesagt worden, doch kann es ohne Schaden noch einmal gesagt werden: allein das selber Unsichtbare ist durchsichtig, und nur der Schweigende hört. Und zwar muss, je radikaler der Wille zu hören aufs Ganze geht, desto tiefer und vollkommener das Schweigen sein. Darum heißt Philosophieren (als die Bedenkung des Wirklichkeitsganzen) und die möglichst reine Verwirklichung von ‚theoria’: so sehr ganz und gar hören, dass dieses hörende Schweigen durch nichts gestört wird – nicht einmal durch eine Frage. Eben das macht den Unterschied aus zwischen Einzelwissenschaften und Philosophie. Die Wissenschaft schweigt nicht, sie fragt. Es ist gerade dieses Fragen, wodurch sie sich erst als diese besondere Wissenschaft konstituiert“ (Pieper, Josef, Verteidigungsrede für die Philosophie, München 1966, S. 51f.)
- Wenn im Folgenden also den Fragen zur gesellschaftlichen Bedeutung des Alters in unserer Gesellschaft nachgegangen wird, dann soll die Forderung im Vordergrund stehen, die Gesamtheit dessen, was dem Menschen im Verlauf seines Lebens begegnet, möglichst auf ihre „letztgründige“ Bedeutung zu bedenken; „und dieses so verstandene Philosophieren ist dann ein sinnvolles Geschäft, von welchem der geistig existierende Mensch sich gar nicht dispensieren kann“ (Pieper, J., ebenda, S. 14).
Dass es im Rahmen einer wissenschaftlichen Zertifikationsarbeit nicht gelingen kann, alle - die gesellschaftliche Bedeutung des Alters betreffenden - Fragen auf ihre „letztgründige Bedeutung“ zu prüfen, wird ebenfalls zu bedenken gegeben. Letzte Begründungen kann es nicht geben. Aber es wird versucht werden alle wesentlichen Aspekte zur gesellschaftlichen Bedeutung des Alters in unserer Gesellschaft anzureißen und der Leser wird gebeten, sein eigenes menschliches Vermögen hinzu zu tun, damit das Ziel zumindest annähernd erreicht wird. Aus der Sicht eines Konstruktivisten stellt sich die Frage um die Relativität alles Gesagten und alles Gedachten insoweit, dass er auf die Selbstreferentialität, Selbstorganisation und Autopoiese des menschlichen Gehirns verweist. Seine Antwort lautet, dass wir die Welt, in der wir leben, buchstäblich erzeugen, in dem wir sie leben. Folglich ist auch Wissenschaft, wie Humberto R. Maturana es formuliert, „kein Bereich objektiver Erkenntnis, sondern ein Bereich subjektabhängiger Erkenntnis, der durch eine Methodologie definiert wird, die die Eigenschaften des Erkennenden festlegt. Mit anderen Worten, die Gültigkeit wissenschaftlicher Erkenntnis beruht auf ihrer Methodologie, die die kulturelle Einheitlichkeit der Beobachter bestimmt, und nicht darauf, dass sie eine objektive Realität widerspiegelt“ (Schmidt, Siegried J. (Hg): Der Diskurs des Radikalen Konstruktivismus, Frankfurt am Main 1987, Klappentext).
Wenn es stimmt, dass wir die Welt, in dem wir sie leben, erzeugen, wenn wir also die Schöpfer unserer Welt sind, dann kann darin eine großartige Chance gesehen werden, uns eine Welt zu bauen, in der alle Menschen und alle Völker friedlich, in Gleichheit und in physischer und psychischer Gesundheit leben können. Denn da weder der einzelne Mensch noch ganze Völker eine wie auch immer geartete „objektive“ Wahrheit für sich legitim beanspruchen können, sind alle Menschen und Völker in freier Selbstbestimmung aufgefordert, in einem infiniten konsensuellen Diskurs miteinander Wege zu einer „besten aller Welten“ gewaltfrei zu suchen. An einer solchen Welt mitzuwirken, dürfte der herausragende Auftrag insbesondere an all jene älteren Mitglieder unserer Gesellschaft sein, die die Irrwege und Einbahnstrassen der Arbeits- und Wirtschaftswelt überwunden haben; darin liegt ihre noch ungeahnte Bedeutung.
Gerd Heming (2001)
Anthropologische Aspekte zur Bedeutung des Alters
Anthropologie ist die Lehre vom Menschen. Somit sind alle Wissenschaften, die sich mit dem Menschen beschäftigen, gleichsam Teilwissenschaften der Anthropologie. Anthropologie ist also ein multidisziplinäres und multidirektionales Geschäft, das im Rahmen einer Arbeit mit dem Thema „Die gesellschaftliche Bedeutung des Alters“, nur ansatzweise und somit unvollkommen besprochen werden kann. Erschwerend kommt hinzu, dass das Alter in den hier herangezogenen und im Literaturverzeichnis aufgeführten Literaturen nur randläufig behandelt wird, was m.E. darauf schließen läst, dass das Alter für die zitierten Anthropologen noch kein explizites Thema war oder ist.
Wenn hier von Anthropologie die Rede ist, dann ist damit nicht jene Anthropologie der zwanziger oder dreißiger Jahre des 20. Jahrhunderts gemeint, die ein abartig einseitiges Bild des Menschen zeichnete und zu katastrophalen Fehleinschätzungen (z.B. während der NS-Zeit) führte, sondern jene moderne Anthropologie, die zwei Perspektiven enthält. „Die eine zielt auf den Menschen als Objekt unseres eigenen Nachdenkens. Die andere gibt den Weg frei auf jene Wissenschaften, die zu einem integrativen Menschenbild beitragen können. Dabei muss man sehen, dass es „ein herrschendes Paradigma einer umfassenden wissenschaftlichen Anthropologie bisher nicht gegeben“ hat, wie Carl Friedrich von Weizsäcker feststellt; es gab und es gibt nur „zersplitterte Einzelwissenschaften mit anthropologischen Fragestellungen“ (Funkkolleg Der Mensch – Anthropologie heute, Tübingen 1992, Einführungsbrief, S. 8).
Die Kardinalfrage der modernen Anthropologie lautet spätestens seit Kant: „Was ist der Mensch?“ – und meint damit nicht seinen Körper oder seine Seele oder seinen Geist, sondern Körper und Seele und Geist. Anthropologie in diesem Sinne meint Kindheit, Jugend, Erwachsenenalter und Alter, Wissen, Hoffen, Fühlen, Denken und Handeln. Anthropologie meint den Menschen vor aller Kultur und mit aller Kultur; sie meint Klima, geografische Gegebenheiten und Bedingungen, Nahrung und Gewohnheiten, Hautfarbe und Ausstattung. Anthropologie meint die Gesamtheit dessen, was den Menschen zum Menschen macht.
„„Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Was darf ich hoffen? Was ist der Mensch?“ Diese Menschheitsfragen, formuliert vor rund zweihundert Jahren von einem kleinen, buckligen Mann, der zeit seines Lebens kaum aus seiner Heimatstadt Königsberg herauskam und der einer der größten deutschen Philosophen überhaupt ist, diese Fragen von Immanuel Kant (1724 bis 1804) sind jenseits aller Geschichte von beklemmender Aktualität – wenn (sie der einzelne Mensch, G.H.) auf sich selbst bezieht. Es ist keine Kunst, diese Fragen an andere zu richten und sie dann nach ihrer (in jedem Fall unbefriedigenden) Antwort zu beurteilen. Doch die Frage „Was ist der Mensch?“, in der Kant die eingangs zitierten Fragen zusammenfasst, verliert unversehens die große, abstrakte Dimension, wenn (versucht wird, G.H.), daraus selbstbezogene Alltagsfragen zu machen. „Selbstdenken“, so erkannte unser Philosoph im Zeitalter der Aufklärung, heißt den obersten Probierstein der Wahrheit in sich selbst (das ist in seiner eigenen Vernunft) suchen, und die Maxime, jederzeit selbst zu denken, ist die Aufklärung“ (Funkkolleg Der Mensch – Anthropologie heute, ebenda, S. 5).
Von wem die oben genannten Fragen beantwortet werden, darauf gibt Kant selbst die Antwort: „Die erste Frage beantwortet die Metaphysik, die zweite die Moral, die dritte die Religion und die vierte die Anthropologie. Im Grunde könnte man aber alles dieses zur Anthropologie rechnen, weil sich die drei ersten Fragen auf die letzte beziehen“ (Kant Brevier, ebenda, S. 18).
Thomas H. Huxley (1863) formulierte rund 60 Jahre nach Kants Tod: “Die Frage aller Fragen für die Menschheit – das Problem, das allen anderen zugrunde liegt und von tieferem Interesse ist als jedes andere – ist die Bestimmung der Stellung des Menschen in der Natur und seiner Beziehungen zum gesamten Kosmos. Woher kommen wir? Wo liegen die Grenzen unserer Macht über die Natur, und wo die Grenzen ihrer Macht über uns? Welcher Zukunft gehen wir entgegen? Das sind die Probleme, die sich jedem, der in die Welt geboren wird, immer wieder neu und mit unvermindertem Gewicht stellen“ (Der Mensch – Anthropologie heute, ebenda, S. 54).
Huxleys Statement kommt der hier vorgelegten Arbeit direkt entgegen, sie verbindet sich mit dem in Kapitel 1 dargestellten Motivationsmoment, leitet direkt über auf die Frage nach der Bedeutung des Alters in unserer Gesellschaft und trifft idealerweise den Kern der Anthropologie.
Denn die Anthropologie versucht außer auf die Frage, was der Mensch ist, auch auf die Fragen: Woher kommt der Mensch? Wohin geht der Mensch? Antworten zugeben. Und wenn von der gesellschaftlichen Bedeutung des Alters für unsere Gesellschaft die Rede ist, dann kommen wir nicht daran vorbei, zumindest einen Überblick darüber zu geben, was denn das „Humanum“, das typisch Menschliche, ist. Auch und gerade die Fragen, wer wir sind und welcher Zukunft wir entgegengehen, sind Fragen, die nicht zuletzt die Alten angehen. (Es sei denn, wir hätten im Kolloquium der Frau Dr. Kaiser, als wir uns mit dem Alter und mit dem „Mythos Alter“ der Betty Friedan beschäftigten, nicht gelernt), dass: „Die Funktion des Alters jenseits der Reproduktion auf andere Art etwas zur Erhaltung der Spezies beitragen (muss). Sie muss über unsere persönliche Zukunft hinausgehen. Wenn wir unsere Energie im Alter verbrauchen oder mit Trivialitäten und Spielereien verplempern, wenn wir nur die Zeit totschlagen und das Alter und den Tod verleugnen, verschleudern wir diese auf die Zukunft gerichtete Weisheit und Generativität. Unser Leben muss mehr sein als nur jene bedeutsamen Erinnerungen, die wir für unsere Enkel aufschreiben. Wir können die Zukunft nicht voraussehen. Nur wenn wir an den Problemen arbeiten, vor denen unsere Gesellschaft steht, und dabei unsere im Lauf des Lebens erworbene Weisheit und Generativität einsetzen, hinterlassen wir unseren Enkeln ein Vermächtnis, das darin besteht, dass wir bei der Gestaltung der Zukunft helfen und die Generativität des menschlichen Gemeinwesens entfalten und bewahren. Wir müssen unserer eigenes Alter leben, generativ, und als Teil der Gemeinschaft. Im Talmud heißt es: Wenn ich nicht für mich bin, wer ist dann für mich, wenn ich nur für mich bin, was bin ich dann? Wenn nicht jetzt – wann sonst?“ (Friedan, B., Mythos Alter, Reinbek bei Hamburg 1997, S. 860)
Unter den natur-, geistes- und gesellschaftswissenschaftlichen Disziplinen ist es insbesondere die Gerontologie und die Entwicklungspsychologie der Lebensspanne, die sich mit älterwerdenden Menschen beschäftigt.
- Entwicklungspsychologie der Lebensspanne besagt, dass Entwicklung als Reifungs- und Wachstumsprozess verstanden wird. „Dieser lässt sich durch folgende Eigenschaften charakterisieren: „(1) ein richtungsgebender Endzustand (Reife), (2) quantitative und qualitative (systematische, strukturelle) Aspekte der Veränderung, (3) eine feststellbare Regelmäßigkeit (Robustheit) in der Änderungssequenz und (4) eine Bewegung zu größerer Differenziertheit und Komplexität“ (Baltes & Sowarka 1983, S. 13) In: (Faltemaier, Toni: Entwicklungspsychologie des Erwachsenenalters, Stuttgart 1992, S. 22)
- Ulich (1987, S. 85 ff.) hat einen Versuch gemacht „und die „strukturellen Implikate“ des Alltagsbegriffs „Entwicklung“ herausgearbeitet. Er kam zu sechs Bestimmungsmerkmalen:
- „I. Entwicklung impliziert Dynamik und Zukunftsbezug, ist als unvereinbar mit der Vorstellung, dass wir uns nicht verändern können.
- II. Entwicklung impliziert Gerichtetheit auf etwas „Positives“, ist also ein wertender Begriff, eine letztlich moralische Kategorie.
- III. Entwicklung impliziert normative Erwartungen, die oft mit dem Lebensalter gekoppelt sind. Entwicklung ist ohne „Älterwerden“ nicht denkbar.
- IV. Entwicklung impliziert Ausgangsbedingungen und Folgen, wobei die Folgen als relativ stabil angesehen werden.
- V. Entwicklung impliziert Veränderung von subjektiv bedeutsamen und zentralen im Vergleich zu peripheren Merkmalen (wie schwierig auch immer die Unterscheidung im Einzelfall sein mag).
- VI. Entwicklung impliziert „Identität“ oder „Einheit“ einer Person (und ihrer Lebensgeschichte), schließt also „Kontinuität im Wandel“ (Thomae) ein“ (Faltemaier, Toni, ebenda, S. 28 f.).
- Inwieweit die Anthropologie als Wissenschaft die jüngeren Wissenschaftsbereiche, die Gerontologie, die Geriatrie, die Entwicklungspsychologie der Lebensspanne, die Psychologie des Alterns und die Geragogik in ihr zweiperspektivisches Gesamtbild hineingenommen hat, konnte bisher nicht eindeutig geklärt werden. Wenn aber, wie in Kapitel 2 dargestellt, das Alter eine wachsende gesellschaftliche Bedeutung gewinnt, wird die Anthropologie nicht umhin können, ihr Bild vom Menschen zu ergänzen, will sie sich nicht mit einem unfertigen Bild begnügen.
Alter ist auch deshalb für eine Gesellschaft von Bedeutung, weil es Entwicklung bedeutet. Weiter oben wurde gesagt, dass Alter und Entwicklung zwei Seiten derselben Medaille seien. Bestätigt wird diese Behauptung von Ulich, der, wie oben erwähnt, sagt: „Entwicklung impliziert normative Erwartungen, die oft mit dem Lebensalter gekoppelt sind. Entwicklung ist ohne „Älterwerden“ nicht denkbar“.
Bezogen auf das Thema dieser Arbeit könnte auch formuliert werden, dass das Alter, je weiter es fortgeschritten ist, mit Blick auf den Entwicklungsgrad des einzelnen alten Menschen am weitesten vorangeschritten ist. Diese Formulierung ist allerdings so nicht haltbar. Daher wird im Folgenden definiert, wie der erweiterte Entwicklungsbegriff verstanden wird:
„Das kalendarische Alter ist in mehrfacher Hinsicht nur ein Markierungspunkt für Lebenszusammenhänge“ formuliert Norbert Erlemeier: „für die Positionierung im individuellen Lebenslauf, für die Einbettung dieses Lebenslaufs in biographische, generationsspezifische und epochal-historische Kontexte sowie für erlebte Zeitstrukturen zwischen Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft“ (Erlemeier, Norbert: Alternspsychologie, Münster 1998, S. 59). Und zum Begriff Entwicklung fährt er a.a.O. fort: „Im Rahmen traditioneller Entwicklungsmodelle, insbesondere biologisch orientierter Wachstums- und Reifungsmodelle, wurde Entwicklung meistens als Veränderung des Verhaltens und Erlebens mit folgenden Merkmalen beschrieben (Baltes, 1979):
- die Veränderungen zeigen eine natürliche Abfolge,
- sie verlaufen in eine Richtung,
- sie haben ein Ziel oder einen Endzustand,
- ihre Abfolge ist unveränderlich,
- bei den Veränderungen handelt es sich um qualitativ-strukturelle Transformationen,
- sie haben universelle Gültigkeit.
- Solche biologisch orientierten Wachstumsmodelle der Entwicklung, die die obigen Merkmale aufweisen, sind aber nur als Spezialfall oder als Unterklasse umfassender Entwicklungsverläufe und –phänomene zu verstehen. Sie dürfen nicht auf die Gesamtentwicklung übertragen werden. Sie haben nur einen begrenzten Anwendungswert.
Der Entwicklung über die gesamte Lebensspanne werden nur Konzeptualisierungen der Entwicklung gerecht, die dagegen folgende Merkmale berücksichtigen (Baltes, 1983):
- Interindividuelle Variabilität
- Intraindividuelle Plastizität und Modifizierbarkeit,
- Multidimensionalität,
- Multiple Gerichtetheit der Entwicklungsverläufe.
- Menschliche Entwicklung setzt uns immer wieder wegen der großen Unterschiede in Erstaunen. Sie ist in ihrem Verlauf nicht vorbestimmt oder festgelegt, sondern schließt Kapazitäten zur Veränderung und Gestaltung ein. Entwicklung erfolgt nicht gleichförmig, sondern einzelne Entwicklungsbereiche (z.B. der kognitiven und sozialen Fähigkeiten) unterscheiden sich in der Richtung ihres Verlaufes.
Lebenslange Entwicklung hat zwar biologische Einflussfaktoren in Rechnung zu stellen, ebenso stark sind aber psychische und sozial-kulturelle Determinanten zu berücksichtigen.
In einem grundlegenden Aufsatz von 1990 stellte der bekannte Entwicklungspsychologe und Gerontologe Paul B. Baltes (...) Leitsätze zu einer Entwicklungspsychologie der Lebensspanne auf, hinter die nicht zurückgegangen werden kann. Diese Leitsätze lauten mit einigen Veränderungen, die der Verfasser (Norbert Erlemeier, G.H.) der besseren Verständlichkeit wegen zum Original vorgenommen hat (Baltes, 1990,4):
Lebenslange Entwicklung
Ontogenetische (altersbedingte) Entwicklung ist ein lebenslanger Prozess. Keine Altersstufe nimmt bei der Bestimmung dessen, was Entwicklung ist, eine Vorrangstellung ein. Während der gesamten Entwicklung (d.h. in allen Phasen der Lebensspanne) können sowohl kontinuierliche (kumulative) als auch diskontinuierliche (innovative) Prozesse auftreten.
Multidirektionalität
Die Richtung der ontogenetischen Veränderungen variiert nicht nur beträchtlich zwischen verschiedenen Verhaltensbereichen (z.B. Intelligenz versus Emotion), sondern auch innerhalb derselben Verhaltenskategorie. In ein und demselben Entwicklungsabschnitt und Verhaltensbereich können manche Verhaltensweisen Wachstum und andere Abbau zeigen.
Entwicklung als Gewinn und Verlust
Entwicklung bedeutet nicht nur einen Zuwachs in der Kapazität oder einen Zuwachs im Sinne einer höheren Effizienz. Über die gesamte Lebensspanne hinweg setzt sich vielmehr Entwicklung immer aus Gewinn (Wachstum) und Verlust (Abbau) zusammen.
Plastizität
Psychologische Entwicklung ist durch eine hohe intraindividuelle Plastizität (Veränderbarkeit innerhalb einer Person) gekennzeichnet. Der Entwicklungsverlauf einer Person variiert in Abhängigkeit von ihren Lebensbedingungen und Lebenserfahrungen. Die Hauptaufgabe der entwicklungspsychologischen Forschung liegt darin, das mögliche Ausmaß der Plastizität sowie deren Grenzen zu untersuchen.
Geschichtliche Einbettung
Ontogenetische Entwicklung variiert auch in Abhängigkeit von historisch-kulturellen Bedingen. Der Ablauf der ontogenetischen Entwicklung ist stark von den vorherrschenden sozial-kulturellen Bedingungen einer geschichtlichen Ära und deren spezifischem Zeitverlauf geprägt.
Kontextualismus
In kontextueller Betrachtung resultiert jeder individuelle Entwicklungsverlauf aus der wechselseitigen Beeinflussung dreier Entwicklungssysteme: des altersbedingten, geschichtlich bedingten und nicht-normativen. Die ersten beiden Entwicklungssysteme stehen in einer geregelten (normativen) Beziehung zum Lebensalter bzw. zu geschichtlich-politisch bedingten Ereignissen. Das dritte Entwicklungssystem betrifft nicht-normative (eher zufällige) Ereignisse, die Entwicklung mitprägen können (s. unten).
Multidisziplinäre Betrachtung
Menschliche Entwicklung muss multidisziplinär gesehen werden, also im Kontext sich ergänzender Disziplinen (z.B. Anthropologie, Biologie, Soziologie), die sich mit menschlicher Entwicklung beschäftigen. Die Offenheit der Lebensspannen-Perspektive für eine multidisziplinäre Sichtweise bringt es mit sich, dass die rein“ psychologische Betrachtung der lebensumspannenden Entwicklung diese immer nur Ausschnittsweise erfassen kann. Sie muss die Zugänge und Betrachtungsweisen anderer Fachdisziplinen berücksichtigen“ (Erlemeier, Norbert, ebenda, S. 55 ff.)
Unter diesen Einflussfaktoren erhält die gesellschaftliche Bedeutung des Alters ein erweitertes Gesicht. Es ist nicht mehr bleich, sondern es füllt sich mit Farbe. Alter füllt sich mit Aufgaben – mit Aufgaben, die nicht allein die biologische Evolution an ihn stellt, sondern auch die sozio-kulturelle Ko-Evolution.
Während jedoch die Überlegungen, die die Evolutionsbiologen über das Alter und das Altern anstellen, vordergründig leicht zu bestimmen sind, sind die Überlegungen, die die Ko-Evolution an es stellt, vielfältiger Natur. Letztere werden einen großen Raum der weiteren Ausführungen einnehmen, erstere lassen sich wie folgt formulieren: „Die Überlegungen zur Evolution der Seneszenz (des Alterns) gehen davon aus, dass genetische Mutationen, deren phänotypische Wirkungen sich erst spät im Leben eines Organismus schädlich auswirken, nur einer schwachen Selektion unterliegen. Die altersbedingt schädigenden Gene werden deshalb nicht so schnell ausgemerzt. Im Alter findet man auch eine zunehmende Anfälligkeit für umweltbedingte Schädigungen (zum Beispiel die Veränderung der DNS durch UV-Strahlung). Das bedeutet, dass es im späten Leben zu einer Akkumulation schädlicher Effekte kommt, die mit fortschreitendem Alter progressiv zunimmt. Wir haben es infolgedessen mit einer genetisch programmierten Alterung zu tun, die sich mit den Auswirkungen schädigender Umweltfaktoren verbindet.
Männchen sterben durchschnittlich früher als Weibchen. Männliche Sexualhormone (Androgene) scheinen den Organismus regelrecht „aufzuheizen“. Androgene verleiten Männchen nicht nur zu riskanterem Verhalten (Konkurrenz um Weibchen), sondern beschleunigen offenbar auch den Alterungsprozess (Energiebilanz im Leben). Aus diesem Grund haben die Männer in unserer Gesellschaft eine um 10 Prozent geringere Lebenserwartung als Frauen. Werden männliche Säugetiere und Menschen-Männer frühzeitig kastriert, verlieren sie zwar die Lust am Sex, gewinnen aber eine deutlich höhere Lebenserwartung.
Welchen biologischen Sinn hat das „postreproduktive Überleben“ weiblicher Menschen? Die Menopause der Frauen stellt sich im Durchschnitt mit 45 Jahren ein, die Lebenserwartung der Frauen liegt in unserer Gesellschaft bei durchschnittlich 78 Jahren. Da das Menschenkind die intensive Fürsorge seiner Mutter über einen sehr langen Zeitraum hinweg benötigt, könnte es unter diesem Gesichtspunkt für ältere Frauen gewinnbringender sein, für bereits vorhandene Nachkommen zu sorgen und deren Fortpflanzung zu unterstützen, als weiter eigene Babies in die Welt zu setzen, die geringere Überlebenschancen besäßen. So könnten alte und erfahrene Frauen einen größeren Fortpflanzungserfolg erzielen wenn sie sich auf den Schutz und die Pflege von Enkeln oder anderen nahen Verwandten konzentrieren, als wenn sie es weiterhin mit der (im höheren Alter unsicherer werdenden) eigenen Nachkommenproduktion versuchten. Frauen schalten über die natürliche Selektion in höherem Alter die eigene Fortpflanzung ab (auch einige Affen tun dies!) und werden für die Männer sexuell unattraktiv – es kommt zur Menopause. Eigenes Erbgut (Gene) wird ja nicht nur über eigene Kinder verbreitet, die jeweils die Hälfte der eigenen Gene tragen (`r=o,5), sondern auch über Enkelkinder (oder Nichten und Neffen), in denen (im Mittel) immerhin noch ein Viertel der eigenen Gene stecken ( ´r=o,25)“ (Schiefenhövel, W., Vogel, Chr., Volmer, G.: Von der Wiege bis zur Bahre. In: Funkkolleg Der Mensch – Anthropologie heute, ebenda, STE 1, S. 35)
Während weiblichen Menschen somit der biologischen Auffassung zufolge nach dem Ende ihrer Reproduktionsphase die Aufgabe haben, über die Verbreitung der eigenen Gene zu wachen, in dem sie sich dem Schutz und der Pflege der Kinder und Kindeskinder zuwenden, endet die Reproduktionsphase für männliche Menschen in der Regel erst mit dem Tod. Schiefenhövel, Vogel und Vollmer fragen: „Warum können die meisten Männer bis zum Tod Spermien produzieren?“, und sie antworten: „Das männliche Geschlecht produziert mit geringem Energieaufwand enorme Mengen kleiner, nährstoffarmer und eigenbeweglicher Spermatozoen, worin sein einziger Beitrag zur eigenen Fortpflanzung besteht. Sein Reproduktionserfolg erhöht sich nur durch zahlreiche Kopulationen mit möglichst vielen (jungen!) Frauen. Das liest die natürliche Selektion im ganzen Lebenslauf der Säugtiermännchen und Menschen-Männer aus“ (Schiefenhövel, W., Vogel, Chr., Vollmer, G.: Von der Wiege bis zur Bahre. In: Funkkolleg Der Mensch – Anthropologie heute, Tübingen 1992, STE 1, S. 35 f.).
Wenn Frauen und auch Männer jenseits der Reproduktionsphase allein darin ihre Aufgabe erfahren, in dem sie sich dem Schutz und der Pflege ihrer Kinder und Kindeskinder widmen, um so den überdauernden Erfolg ihrer eigenen Gene abzusichern, dann ist aus evolutionsbiologischer Perspektive die Funktion des Alters erfüllt. Die Anthropologie aber zeigt, dass der Mensch durch die biologische Bestimmung allein nicht befriedigend definiert werden kann. Sie bestätigt Betty Friedan, wenn diese, um es zu wiederholen, sagt: „Die Funktion des Alters jenseits der Reproduktion muss auf andere Art etwas zur Erhaltung der Spezies beitragen. Sie muss über unsere persönliche Zukunft hinausgehen. Wenn wir unsere Energie im Alter verbrauchen oder mit Trivialitäten und Spielereien verplempern, wenn wir nur die Zeit totschlagen und das Alter und den Tod verleugnen, verschleudern wir diese auf die Zukunft gerichtete Weisheit und Generativität. (...) Wir können die alten Spiele nicht weiterspielen, zumindest nicht mehr so wie früher. Manche halten wir einfach nicht mehr durch, auch wenn wir das nicht zugeben wollen. Aber gibt es eine andere Art zu arbeiten, zu lieben und weiterhin Respekt, Nähe und das Gefühl des Gebrauchtwerdens zu genießen?“ (Friedan, Betty: Mythos Alter, Reinbek bei Hamburg 1997, S. 35).
Die Frage danach, was das typisch Menschliche ist, wird hier ausgeklammert. Die Suche nach Antworten darauf ist zwar Ziel der Anthropologie (vgl. Schiefenhövel, Vollmer, Vogel, 1992, S. 35), doch würde es den Rahmen dieser Arbeit sprengen, diesen großen Bereich hier einzubeziehen. So viel sei an dieser Stelle jedoch gesagt: Die Frage ist nicht beantwortet. Folgt man dem Münsteraner Entwicklungspsychologen Prof. Walter Schurian, so wird eine wirklich befriedigende Antwort auf diese Frage wohl für immer ausbleiben. Auch nicht von der dem modischen Zeitgeist nach mit hohen Erwartungen versehenen Gentechnologie und gewiss nicht vom „Genomprojekt“ seien letzte Antworten zu erwarten. Das hat nach Schurian seinen Grund darin, dass der Mensch als Person nicht feststellbar ist. Schon der Begriff „Per-son“ deute darauf hin. Denn der Begriff entstamme dem griechischen und bedeutet soviel wie Maske. Person stamme von „per sonare“, das am ehesten übersetzt werden könne mit „durch-klingen“ oder „hindurch-schwingen“. Person sei also das, was durch die Maske hindurch schwinge. Was hinter der Maske läge, sei für den Wahrnehmungsapparat des Menschen nicht zugänglich und würde ihm wohl für immer verborgen bleiben. Aus derselben Ursache heraus wird dem Menschen das, was er vordergründig mit dem Begriff Alter verbindet, in seinem wirklichen Ausmaß ebenfalls nie zugänglich werden. Hoymar von Ditfurth sagt dazu: „Der namhafte englische Wahrnehmungsphysiologe Richard L. Gregory stellte im Verlaufe ähnlicher Überlegungen ebenso kurz wie prägnant fest: „Eigentlich sind wir so gut wie blind.“ Genauso ist es. Wir denken nur nie daran. Unser Wahrnehmungsapparat gleicht einem Rundfunkempfänger, der mit größter Trennschärfe unveränderlich auf eine bestimmte Wellenlänge festgelegt ist, während die Luft um uns herum erfüllt ist von einer unübersehbaren Vielzahl der verschiedensten Programme. Wie die Welt für uns aussähe, wenn wir alle diese Programme ebenfalls zu empfangen in der Lage wären, kann keine menschliche Phantasie ausmalen. Wir sind von dieser Möglichkeit genauso hoffnungslos getrennt wie ein Insekt von der Chance, auf irgendeine Weise ein Vorstellung davon haben zu können, wie wir Menschen diese Welt erleben. Auch die Ursache der Unmöglichkeit ist in beiden Fällen die gleiche.“ (Ditfurth, Hoymar, v.: Der Geist fiel nicht vom Himmel, München 1986, S. 39 f).
Die gleiche Unschärfe, wenn nicht gar das primäre Unvermögen unseres Wahrnehmungsvermögens die Realität, so wie sie an und für sich ist, zuerkennen, wird in den Forschungsergebnissen des Bremer Neurologen und Gehirnforschers Gerhard Roth deutlich, wenn er sagt: „Das Gehirn ist das entscheidend wichtige Organ mittels dessen der Organismus sein Verhalten an seine Umwelt anpasst, denn es nimmt über die Sinnesorgane die Umwelt wahr, interpretiert diese auf der Grundlage angeborener oder erlernter Kriterien und steuert dann ein sich aus dieser Bewertung ergebendes Verhalten. Daneben hat das Gehirn die Aufgabe, die vegetativen Funktionen des Körpers zu kontrollieren: Schlaf- und Wachrhythmus, Kreislauf, Atmung, Wärmehaushalt, Hormonhaushalt und so fort. Auf diese Aufgabe des Gehirns, die Steuerung der vegetativen Funktionen, wird im folgenden allerdings nicht eingegangen.
Das Überraschende dabei ist, dass das Gehirn trotz seiner Aufgabe, den Organismus an der Umwelt zu orientieren, keinen direkten Umweltkontakt hat. Der Grund dafür ist, dass es aus Nervenzellen besteht, die für Umweltereignisse besteht, die für Umweltereignisse - wie elektromagnetische Wellen („Licht“, Sehen), Schalldruckwellen (Hören), mechanischen Druck (Tasten), chemische Moleküle (Schmecken, Riechen) oder Schwerkraft (Stellung des Körpers im Raum, „Gleichgewicht“) – nicht empfindlich sind. Nervenzellen reagieren nur auf bestimmte elektrische Signale oder diesen entsprechende chemische Substanzen (Neurotransmitter und Neuropetide (Transmitter sind meist kurzfristig wirksame chemische Übertragungsstoffe zwischen prä- und postsynaptischen Membranen, Neuropeptide haben meist längerfristige, modulatorische Wirkungen (G.H.)), die außerhalb des Gehirns in der Natur nicht vorkommen. Damit das Gehirn durch Umweltereignisse gereizt werden kann, müssen diese Ereignisse in neuroelektrische oder neurochemische Signale umgewandelt werden. Dies geschieht durch die Sinnesrezeptoren. Diese sind so konstruiert, dass sie durch Umweltereignisse erregt werden können, indem sie z.B. Licht absorbieren (Auge), durch mechanischen Druck verformt werden (wie etwa das Trommelfell beim Hörvorgang) oder durch Absorption von Molekülen ihre chemische Struktur verändern, wie das beim Riechvorgang der Fall ist. All dies erzeugt in den Sinnesrezeptoren Veränderungen ihrer elektrischen Eigenschaften, die dann auf die ihnen nachgeschalteten Nervenzellen einwirken können.
Zugleich mit der „Übersetzung“ von Umweltereignissen in Nervenerregungen verschwinden alle besonderen Eigenschaften, die diese Ereignisse haben. Man kann daher einer Nervenzellerregung nicht ansehen, ob sie von einer Licht- oder Schalldruckwelle, von einem Geruchsmolekül oder von einer mechanischen Einwirkung herrührt. Alle Nervenzellerregungen sind im Prinzip gleich, weil sie andernfalls im Gehirn nicht miteinander verarbeitet werden könnten. Herkunft und die Bedeutung der eintreffenden Erregungen erschließt das Gehirn aufgrund komplizierter angeborener und erlernter Fähigkeiten.
Die Sinnesrezeptoren sind aber nicht nur Übersetzer zwischen Gehirn und Umwelt, sondern sie sind auch starke Filter, denn sie werden nur durch einen winzigen Teil der in der Welt stattfindenden Ereignisse erregt, durch jenen Teil freilich, der für das Überleben von Tieren wie von Menschen in der Regel besonders wichtig ist. Aus diesen „Schlüsselereignissen“ konstruiert dann das Gehirn die von uns erlebte Welt, die mit der bewusstseinsunabhängigen Welt zumindest teilweise übereinstimmt, wie man annehmen darf.“ (Roth, Gerhard: 100 Milliarden Zellen, Gehirn und Geist, aus: Funkkolleg Der Mensch, Studieneinheit 5, S.8 ff, Tübingen, 1992).
„Warum ist es so schwierig, das Wesen des Menschen ausfindig zu machen?“ fragen auch Schiefenhövel, Vogel und Vollmer und fahren fort: „Diese Schwierigkeit hat man allerdings nicht nur, wenn es um den Menschen geht, sie ist viel allgemeiner: Auch bei anderen Dingen ist die Frage nach ihrem Wesen schwer zu beantworten. Niemand kennt das Wesen des Lichts, das Wesen der Vererbung, das Wesen des Denkens, (das Wesen des Alters, G.H.). Zwar haben viele Philosophen – Platon, Aristoteles, Plotin, die Mystiker, Kant, Hegel, Husserl, Heidegger und andere – nach dem Wesen der Dinge gesucht; in allgemein zustimmungsfähiger Weise gefunden haben sie es nicht. Andere haben deshalb den Wesensbegriff selbst einer Kritik unterzogen: Friedrich Nietzsche etwa, Ernst Mach, Bertrand Russel, Karl Raimund Popper. Stellvertretend zitieren wir Popper, der die Suche nach dem Wesen als Essentialismus kritisiert. Nach Popper
„müssen wir ‚Was ist?-Fragen’ aufgeben: Fragen, die danach fragen, was ein Ding ist, was seine wesentliche Eigenschaft oder Beschaffenheit ist. Denn wir müssen die für den Essentialismus charakteristische Ansicht aufgeben, nach der es einen wesentlichen Bestandteil, eine inhärente Beschaffenheit oder ein innewohnendes Prinzip in jedem Ding gibt (ähnlich wie den Weingeist im Wein), die ‚Natur’ des Dinges, die es begründet oder erklärt, dass es ist, was es ist, und sich daher auf seine besondere Weise verhält. Diese animistische Anschauung erklärt nichts“ (Popper 1973, S. 218; 1984, S. 203). (Schiefenhövel, Vogel, Vollmer: Von der Wiege bis zur Bahre, ebenda, S. 19)
Ähnliche Antworten werden uns zuteil, wenn wir das Wesen des Alters oder das Wesen des Sterbens und des Todes hinterfragen. Wir können hinter unseren Wahrnehmungen eben nicht zurück. Warum das so ist, darauf haben weiter oben die zitierten Wissenschaftler und Denker, nicht zuletzt Hoymar von Ditfurth, Gerhard Roth und Sextus Empiricus, eine nachvollziehbare Antwort gegeben.
Die Anthropologie und das Alter lehren uns also, mit Unschärfen zu leben und sinnvoll umzugehen. Und noch etwas lehren sie uns, nämlich: Wenn Entwicklung ohne Älterwerden nicht möglich ist, und daraus folgend jene, deren Lebensjahre eine hohe Zahl anzeigen, in der Entwicklung am weitesten vorangeschritten sind, dass diese Entwicklung sie verpflichtet, sich selbst und der Gesellschaft gegenüber überdauernde Aufgaben zu übernehmen. Nur insofern das Alter bereit ist, diese Aufgaben zu übernehmen, kommt ihm gesellschaftliche Bedeutung zu.
„In der Entwicklungspsychologie ist wiederholt der Versuch unternommen worden, den gesamten Lebenslauf nach (Aufgaben, G.H.) Phasen und Stufen zu gliedern. Dabei wird von einer geregelten Abfolge dieser Phasen ausgegangen. Dem zugrunde liegt eine bestimmte Entwicklungsdynamik, die zu einem bestimmten Entwicklungsziel bzw. Endzustand hinstrebt. Entwicklung bedeutet nun für das Individuum, dass es diese Phasen in einer wünschenswerten Weise durchläuft, um dadurch das Entwicklungsziel zu erreichen. Als Entwicklungsziele sind z.B. die „gesunde“ oder „reife Persönlichkeit“, die „seelische Gesundheit“, „Integrität der Persönlichkeit“ oder das „erfolgreiche Altern“ definiert worden“ (Erlemeier, N.: Alternspsychologie, Münster 1998, S. 62).
Im Folgenden wird das Phasenmodell von Erik H. Erikson behandelt. Die Modelle der Entwicklungsaufgaben und –potentiale von Havighurst, Peck und Hurrelmann bleiben an dieser Stelle außen vor, weil der Rahmen der Arbeit weitmöglichst eingehalten werden soll.
Gerd Heming (2001)
Geschichtliche Einordnung der gesellschaftlichen Bedeutung des Alters
Wenn von der gesellschaftlichen Bedeutung des menschlichen Alters in unserer heutigen Gesellschaft die Rede ist, dann gehört zu dieser gesellschaftlichen Bedeutung notwendig zumindest ein kurzer Abriss der Geschichte des Alters, d.h. der Denkweisen, die das Alter der Menschen seit Erfindung der Schrift begleiteten und die, von der Überlieferung her, noch heute in der Tiefenkultur unserer Gesellschaft und nicht zuletzt in der Tiefenstruktur des einzelnen Menschen lebendig sind und wirken. Denn „Alter und Tod gehören zu den existentiellen Rätseln, für die Menschen aller Zeiten und Völker immer wieder Erklärungen gesucht haben, in der Vergangenheit religiöse und mythologische, heute daneben in wachsendem Umfang biologisch-wissenschaftliche“ (Funkkolleg Altern, Einführungsbrief, Tübingen, 1996, S. 62). Ob aber die Alten für ihre jeweiligen Gesellschaften und Epochen eine Bedeutung insofern besaßen, dass sie deren Geschicke steuerten, zumindest jedoch beeinflussten, dass ist das Thema dieses Kapitels. Dabei sei an dieser Stelle daran erinnert, dass die Menschen der Antike, des Mittelalters und - bis vor etwa einhundertfünfzig Jahren - der Neuzeit, in der Regel ein Lebensalter von durchschnittlich etwa 22 bis 36 Jahren erreichten, so dass das Alter daher eher ein individuelles Thema, kaum aber ein gesellschaftliches Thema gewesen ist.
Nichtsdestotrotz hat es zu allen Zeiten Menschen gegeben, die ein stattliches Alter erreicht haben. „Bei einer historischen Betrachtung humanbiologischer Tatbestände fällt auf, dass sich das erreichbare Höchstalter des Menschen überhaupt nicht geändert hat, jedenfalls nicht in jenen Zeiten, über die wir halbwegs verlässliche Aufzeichnungen besitzen. 100 Jahre oder etwas darüber haben wohl zu allen Zeiten einige Menschen gelebt – eben solche, deren Immunsystem sich bedrohlicher Krankheiten erwehren konnte und die aus Zufall oder wegen besonderer körperlicher Kraft oder Geschicklichkeit von Unfällen verschont blieben und bei denen die genetischen Programme den konstruktionsbedingten Alterungsprozess erst am unweigerlichen Lebensende erlitten. Der einzige Unterschied zu früher ist, dass heute wesentlich mehr Menschen ein solches Alter ereichen, also in die Nähe der biologischen Grenze unserer Lebensdauer vordringen. Mit anderen Worten: Selbst unsere in vieler Hinsicht so erfolgreiche Medizin hat es nicht vermocht, diese Lebensgrenze hinauszuschieben; sie erhält nur einen größeren Prozentsatz von Menschen so lange am Leben, bis sie an diese Grenze kommen“ (Schiefenhövel, Wulf: Leid ohne Sinn? In: Funkkolleg Der Mensch – Anthropologie heute, Tübingen, 1993, STE 24, S. 32)
Gesellschaftliche Relevanz besitzen die heutigen Alten also zunächst einmal nur deswegen, weil ihre Zahl stetig wächst; ob sie „wertmäßig“ qualitativ für unsere Gesellschaft von Bedeutung sind bzw. sein können, und ob sie berechtigte Wertschätzung genießen, diesen Fragen wird im Kapitel 8 näher nachgegangen.
„In der Welt des Alten Testaments“, so formuliert das Funkkolleg Altern, 1992, ebenda, S. 66, „genossen die Alten offensichtlich eine hohe Wertschätzung allein schon aufgrund ihrer Aufgabe, die Inhalte des jüdischen Glaubens an die Nachkommen weiterzureichen: Psalm 71 macht das deutlich, wenn er sagt:„Auch verlass mich nicht, Gott, im Alter, wenn ich grau werde, bis ich deinen Arm verkündige Kindeskindern und deine Kraft allen, die noch kommen sollen“ (71 Psalm, Vers 18). Und das Mosaische Gesetz befiehlt entschieden: „Vor einem grauen Haupt sollst du aufstehen und die Alten ehren, denn du sollst dich fürchten vor deinem Gott, denn ich bin der HErr.“ (3. Mose, 19, 32)“
Titus, 2, Verse 2-8, übersetzt nach Martin Luther, hebt die Vorbildfunktion der Alten für die jungen Generationen hervor, indem er fordert: „(...) den Alten sage, dass sie nüchtern seien, ehrbar, züchtig, gesund im Glauben, in der Liebe, in der Geduld; den alten Weibern desgleichen, dass sie sich halten, wie den Heiligen ziemt, nicht verleumderisch seien, nicht Weinsäuferinnen, sondern Lehrerinnen des Guten; dass sie die jungen Weiber lehren züchtig sein, ihre Männer lieben, ihre Kinder lieben, sittig sein, keusch häuslich, gütig, ihren Männern untertan, auf dass nicht das Wort Gottes verlästert werde. Desgleichen die jungen Männer ermahne, dass sie züchtig seien. Allenthalben aber stelle dich selbst als Vorbild guter Werke dar, mit unverfälschter Lehre, mit Ehrbarkeit, mit heilsamem und untadeligem Wort, auf dass der Widersacher sich schäme und nichts habe, dass er von uns möge Böses sagen.“
Trotz solcher positiver Hervorhebungen und Verklärungen der Aufgaben und Funktionen der Alten ist nicht davon auszugehen, dass den Alten jener Zeiten Elend, körperlicher Verfall und die Gebrechen des Alters fremd waren. Schon Marcus Tullius Cicero (106-43 v. Chr.) ließ folgende vier Gründe diskutieren, weil vielen das Alter als Elend erschien:
- weil es ein tätiges, aktives Leben unmöglich mache;
- weil der Körper im Alter geschwächt sei;
- weil der alte Mensch fast aller Vergnügungen beraubt sei und
- weil man im Alter unvermeidlich mit dem eigenen Sterben konfrontiert werde.
- „Diese vier Argumente werden nun im einzelnen durchgegangen und widerlegt:
- Zum ersten Punkt, im Alter gebe es kein tätiges, auch kein geistiges Leben mehr, wird angeführt:
“Nichtssagend sind (...) die Reden derer, die dem Greisenalter die Tätigkeit absprechen, und es ist ungefähr so, wie wenn man behaupten wollte, der Steuermann tue bei der Schifffahrt nichts, während die einen auf die Mastbäume klettern, andere in den Gängen umherlaufen und wieder andere das Grundwasser ausschöpfen, sitze er, das Steuer haltend, hinten ruhig auf dem Deck. Freilich tut er nicht das, was die jungen Leute tun, aber dafür ungleich Wichtigeres und Besseres. Nicht durch Kraft oder körperliche Behändigkeit und Schnelligkeit werden große Leistungen vollbracht, sondern durch besonnenen Rat, das Gewicht der Person, gereiftes Urteil: Eigenschaften, die im Alter nicht verloren gehen, sondern sogar noch zuzuwachsen pflegen. (...) “Aber das Gedächtnis nimmt ab.“ Nun ja, wenn man es nicht übt, oder auch, wenn man von Natur etwas langsam im Kopfe ist. (...) Die Geisteskräfte bleiben den Alten, wenn nur Eifer und Fleiß bleibt, und nicht allein bei angesehenen Staatsmännern, sondern auch im ruhigen Leben eines Privatmannes. (Cicero, Übersetzung: Ernst von Reusner, S. 11f., S. 13)
- Gegen das zweite Argument, das Alter sei nicht mehr lebenswert, weil der Körper geschwächt sei, wird hervorgebracht:
Auch vermisse ich, für jetzt wenigstens nicht, die Kräfte des Jünglings – das war nämlich der zweite Punkt die Schattenseiten des Greisenalters anlangend – ebenso wenig, wie ich in meiner Jugend die Kräfte eines Stiers oder Elefanten vermisste. Was man hat, das soll man nutzen, und was man auch tun mag, nach Maßgabe seiner Kräfte tun. (...) Kämpfen wie gegen eine Krankheit muss man gegen das Alter, Rücksicht nehmen auf seinen Zustand, mit Maßen den Körper üben, und man darf nur soviel Speise und Trank zu sich nehmen, dass die Kräfte ersetzt, aber nicht erstickt werden. Aber nicht allein dem Körper muss man zur Hilfe kommen, sondern noch um vieles mehr dem Geist und der Seele; denn auch diese erlöschen im Alter, wenn man nicht, wie bei einer Lampe, Öl zuträufelt. Durch sehr ermüdende Übungen wird der Körper überlastet, der Geist hingegen fühlt sich durch Übungen erleichtert. (Cicero, 1965, S. 16, S. 20)
- In einer dritten Beweiskette wird der Behauptung widersprochen, alte Menschen hätten keine Vergnügungen mehr:
Könnten wir die Sinnenlust nicht mit Hilfe der Vernunft und Weisheit verschmähen, wir wären dem Greisenalter großen Dank schuldig, da es bewirken würde, dass uns nicht nach dem gelüstet, wonach uns nicht gelüsten sollte. Denn die Sinnlichkeit verhindert Überlegung, ist der Vernunft feind, sie blendet sozusagen die Augen des Verstandes und hat keinen Umgang mit der Tugend.(...) Wozu nun so viele Worte über die Sinnenlust? Weil es nicht nur kein Tadel, sondern vielmehr das höchste Lob des Greisenalters ist, dass es nach keinen sinnlichen Vergnügungen großes Verlangen hat. “Aber es kennt nicht Schmausereien, reich besetzte Tafeln und häufige Zechgelage.“ – Nun, so kennt es auch nicht die Trunkenheit, verdorbene Mägen und Schlaflosigkeit. (Cicero, 1965, S. 23f.)
- Des größten argumentativen Aufwands bedarf es jedoch zu widerlegen, das Alter biete nichts als Schrecken, weil der eigene Tod unvermeidlich bevorsteht:
O traurig ist es um den Alten bestellt, der in einem so langen Leben nicht verstanden hat, dass der Tod zu verachten ist! Denn entweder braucht man ihn gar nicht zu beachten, wenn er den Geist völlig auslöscht, oder man muss ihn sich sogar wünschen, wenn er ihn irgendwohin führt, wo er ewig sein soll; und ein drittes kann nicht gefunden werden. Was soll ich also mich ängstigen, wenn ich nach dem Tod entweder nicht elend oder sogar glückselig sein werde? (...) “Aber ein Alter hat nicht einmal etwas zu hoffen.“ – Er ist aber um so besser daran als der Junge, insofern er das, worauf der noch hofft, schon erlangt hat. Jener will lange leben, dieser hat lange gelebt.(...) Denn auch der Schauspieler muss, um zu gefallen, sein Stück nicht bis zu Ende spielen, wenn er nur in irgendeinem Akt, in dem er auftritt, Beifall erntet, und ebenso braucht der Kenner nicht bis zum „Klatscht Beifall“ zu kommen. Denn eine kurze Lebenszeit ist lang genug zu einem guten und rechtschaffenen Leben; ist man aber älter geworden, so soll man darüber nicht mehr trauern, als etwa der Bauer klagt, dass auf den holden Frühling Sommer und Herbst gefolgt sind. Denn der Frühling ist gewissermaßen ein Bild der Jugend und weist voraus auf die künftigen Früchte; die übrigen Jahreszeiten aber sind zum Ernten und Einbringen der Früchte da. Die Frucht des Alters aber ist, wie ich oft gesagt habe, das Bewusstsein früher erworbener Güter und ihre Fülle. Alles aber, was nach dem Gesetz der Natur geschieht, ist zu den Gütern zu rechnen. Was ist aber naturgemäßer, als dass die Alten sterben? (...) Doch das ist das beste Lebensende, wenn bei ungeschwächtem Geist und gesunden Sinnen die Natur selbst das Werk, das sie zusammengefügt hat, auch wieder auflöst. Wie ein Schiff, wie ein Gebäude der am leichtesten einreißt, der es gebaut hat, ebenso löst auch den Menschen die Natur, die ihn zusammengefügt hat, am besten wieder auf. Nun wird alles, was neu zusammengefügt ist, schwer, was alt geworden ist, leicht wieder getrennt. Daraus folgt, dass die alten diese kurze Neige des Lebens weder begierig herbeiwünschen, noch ohne Grund aufgeben sollen. (Cicero, 1965, S. 35-38)“ (Aus: Funkkolleg Altern, Einführungsbrief, Tübingen 1997, S. 70f.)
- Dass das Alter und das Sterben vor zweitausend Jahren und mehr ebenso wie heute Verteidigungsreden bedurften und bedürfen, lässt darauf schließen, wie wenig sich, zumindest wenn es um die menschlichen Ur-Rätsel geht, im Denken, Verhalten und Erleben der Menschen in Laufe der Jahrhunderte geändert hat. Heute, im Jahre 2001, wie in den Jahren um 500 vor Christus wird das Alter beklagt und besungen. Während beispielsweise Sokrates denen, die ihn danach befragten auf den Tod bezogen entgegnete: „Können wir recht haben, die wir annahmen, der Tod sei ein Übel. (...) Laßt uns aber auch so erwägen, wie viel Ursache wir haben, zu hoffen, er sei etwas Gutes. Denn eins von beiden ist das Totsein, entweder soviel als nichts sein, noch irgendeine Empfindung von irgend etwas haben, wenn man tot ist; oder, wie auch gesagt wird, es ist eine Versetzung und ein Umzug der Seele von hinnen an einen anderen Ort. Und ist es nun gar keine Empfindung, sondern wie ein Schlaf, in welchem der Schlafende auch nicht einmal einen Traum hat, so wäre der Tod ein wunderbarer Gewinn...“ (Platon Sämtliche Werke, Bd. I, 1957, Hamburg, S. 30). Während also Sokrates heiter über Sterben und Tod mit seinen Zuhörern diskutierte, haderte Aristoteles mit der Natur und klagte: „Soviel Zeit habe sie den Tieren gegönnt, dass sie fünf oder zehn Jahrhunderte verbrächten, für den Menschen aber, obwohl er zu Vielem und Großem geboren, bestehe eine soviel frühere Grenze“ (Seneca, L.: Über die Kürze des Lebens, In: Philosophische Schriften. Bd. II, Darmstadt, 1971, S..176).
Nichts, was das Rätsel „Mensch“ betrifft, ist neu. Nur die Antworten ändern sich oder werden „neu“ formuliert. Über das Alter schreibt Seneca an anderer Stelle seinem (fiktiven Freund) Lucillius, dass er die Last des Alters zwar körperlich empfinde, dass er dennoch in seiner Seele eine Einbuße des Alters nicht spüre. „Spannkräftig ist die Seele und freut sich, dass sie nicht mehr viel zu schaffen hat mit dem Körper: eines großen Teils ihrer Bürde hat sie sich entledigt. Sie frohlockt und beginnt mit mir ein Streitgespräch über das Alter: das sei ihre Blütezeit. Glauben wollen wir: ihr, Glück genieße sie. Nachzudenken heißt meine Seele und zu betrachten, was von dieser Ruhe und Selbstbeherrschung ich der Weisheit verdanke, was dem Alter, ferner sorgfältig zu prüfen, was ich nicht zu tun vermag, was ich nicht will – ebenso mich verhaltend, als wollte ich nicht, freue ich mich, dass ich, was immer, nicht kann. Was für einen Grund nämlich zur Klage ist es, was für ein Unglück, wenn, was immer enden musste, vergangen ist. „Größtes Unglück ist es“, sagst du, „dahinzuschwinden, zu vergehen und, um es mit dem treffenden Wort zu bezeichnen, sich in nichts aufzulösen. Nicht nämlich sind wir auf einen Schlag zu Fall gebracht und niedergestreckt worden: Stück um Stück werden wir dahingenommen, einer um den anderen entziehen uns die Tage etwas unseren Kräften.“ – Gibt es vielleicht ein besseres Ende als in sein Ende durch die lösende Macht der Natur hinüberzugleiten? Nicht weil etwas Schlimmes sei ein tödlicher Schlag und das plötzliche Verlassen des Lebens, sondern weil das ein gelinder Weg ist, sich unvermerkt zu entfernen. Ich jedenfalls, als nahe die Probe und sei jener – der bringen soll das Urteil über alle meine Jahre – Tag gekommen, in folgender Weise prüfe ich mich und spreche zu mir: „Nichts ist es“, sage ich, „bis jetzt, was wir in Taten oder Worten geleistet haben. Unbedeutende sind das und trügerische Unterpfänder meiner seelischen Verfassung und durchsetzt mit verführerischem Reiz; wie weit ich vorangekommen bin, werde ich dem Tode glauben müssen. Nicht furchtsam also richte ich mich ein auf jenen Tag, an dem ich ohne Ausflüchte und Schönfärberei über mich zu urteilen beabsichtige, ob tapfer ich rede oder empfinde, ob es etwa Verstellung war und Schauspielerei, was immer ich gegen das Schicksal ausgestoßen habe an trotzigen Worten. Verzichte auf die Meinung der Menschen: schwankend ist sie und orientiert sich nach beiden Seiten. Verzichte auf die wissenschaftliche Arbeit, ein ganzes Leben betrieben: der Tod wird über dich das letzte Wort sprechen. So sage ich: Abhandlungen und gelehrte Gespräche und aus den Lehren der Philosophen gesammelte Aussprüche und eine gepflegte Sprache beweisen nicht die wahre Kraft der Seele: es führen nämlich auch die Zaghaftesten eine kühne Sprache. Was du geleistet hast, wird dann deutlich sein, wenn du im Sterben liegst. Ich erkenne die Bedingung an, nicht habe ich Scheu vor dem Urteil.“ Das spreche ich mit mir, aber dass ich es auch mit dir gesprochen habe, stell dir vor. Jünger bist du: was kommt es darauf an? Nicht werden gezählt die Jahre. Ungewiss ist, wo dich der Tod erwartet: daher erwarte ihn überall. - Abrechen wollte ich bereits, und die Hand blickte auf den Schlusssatz: aber ich muss meine Zahlung leisten und diesem Brief Reisegeld beigeben. Denke dir, ich sagte nicht, woher ich es auf Borg nehmen will: du weißt, wessen Geldschrankes ich mich bediene. Warte auf mich ein wenig, und aus meinem eigenen Vermögen wird die Zahlung kommen: inzwischen wird Epikur leihen, der sagt: „Denke an den Tod“ oder, wenn bequemer mit folgenden Worten uns eingehen kann, dieser Gedanke: „Eine großartige Sache ist es, den Tod zu lernen.“ Überflüssig, denkst du vielleicht, das zu lernen, was man ein einziges Mal können muss: das gerade ist es, dessentwegen wir daran denken müssen; stets muss man lernen, wovon wir nicht erproben können, ob wir es verstehen. „Denke an den Tod“: wer das sagt, heißt an die Freiheit zu denken. Wer zu sterben gelernt hat, Sklave zu sein hat er verlernt: oberhalb aller Macht steht er, bestimmt außerhalb jeder Macht. Was (können) gegen ihn Kerker, Gefangenschaft und Riegel? Einen freien Ausgang hat er. Eine Kette nur gibt es, die uns gebunden hält, die Liebe zum Leben, die wir zwar nicht von uns werfen dürfen, aber doch schwächen müssen, damit, wenn einmal die Sachlage es fordert, nichts uns festhält noch hindert, bereit zu sein, was einmal zu tun ist, sofort zu tun. Leb wohl“ (Seneca, L.: Greisenalter und Tod, Brief 26. In: Philosophische Schriften, Bd. III, Darmstadt, 1980)
Die Bedeutung der Alten der Antike schien, wenn wir den vorgenannten Zeugnissen folgen, eindeutig: Ihnen kam die Aufgabe zu, den Nachkommen Rechenschaft abzulegen über ihr Wirken und die Lehren der Väter an sie weiter zu geben. Sie hatten die großen Herausforderungen des Lebens nach ihrem Vermögen angenommen.
Nach Seneca, geboren um 4 v. Chr., gestorben 65 n. Chr., begann der Verfall Roms mit dem Siegeszug der Christen. Die christliche Glaubenslehre begann ihre Herrschaft; und als Folge wurden die fragenden, staunenden, ungläubigen und freien Gedanken freier und freigeistiger Philosophen über viele Jahrhunderte ausgeblendet oder gar unterdrückt. Der Münsteraner Entwicklungspsychologe Walter Schurian nannte die Zeit von der frühen Christenheit bis ins späte Mittelalter innerhalb einer Vorlesung zur Einführung in die Psychologie am 20. April 2000 „die dunkle Zeit des Mittelalters“. Leben, Alter und Tod, Armut und Reichtum, König und Knecht, Elend und Not galten als „Gottgegeben“. – Schuster bleib bei deinen Leisten! - Was für eine Bilanz! Unter der Überschrift: „Armes Christentum“ resümiert Herbert Schnädelbach (Die Zeit, Nr. 30, S. 33): „Wie hat die Lehre vom Jüngsten Gericht insgesamt gewirkt? Dass sie auch Trost und die Hoffnung auf eine ewige Gerechtigkeit transportierte, steht meines Erachtens weit hinter der Tatsache zurück, dass die meisten Menschen jahrhundertelang vor der ewigen Verdammnis geradezu physisch zitterten“. Gedankenvielfalt versiechte – und mit ihr echte menschliche Entwicklung.
Was das frühe Christentum zum Thema Alter sagt, erzählen uns die Briefe der Apostel. „Aus der Perspektive der politischen Philosophie der „heidnischen“ Griechen und Römer zeigen diese Briefe unverkennbar einen Rückzug ins Private. Während beispielsweise für Aristoteles (384-322 v. Chr.) der Mensch erst in der Sphäre der politischen Praxis, in der aktiven Teilnahme am öffentlichen Leben, den ihm einzig angemessenen „natürlichen“ Ort in der Welt findet, propagiert Paulus (oder der anonyme Urheber dieser Briefe) das unpolitische Leben im kleinen Kreis der Gläubigen (insbesondere der Familie, G.H.). Das tugendhafte Leben in der Verehrung Christi in einem vorpolitischen Raum wird zur Devise. Das trug den Frühchristen skeptische Vorbehalte der Nicht-Christen ein und den gefährlichen Vorwurf, den Staat nicht zu unterstützen, einer der Vorwände für die Christenverfolgungen“ (Funkkolleg Altern, Einführungsbrief, Tübingen, 1996, S. 67).
Das Christentum unterbrach so den freien, infiniten und öffentlichen Diskurs und somit jenes forschende und wissenschaftliche Eindringen des Menschen in seine Existenz und in seine Welt, das noch die Griechen und die Römer pflegten, für viele hundert Jahre. Wo Dogmen herrschen, hat der freie Gedanke wenig Raum.
Noch zu Zeiten der Scholastiker, um 1250 nach Christus, zeichnete Thomas von Aquin in seinen „Questiones“ das Bild des Menschen in dieser Weise und erklärte in der im eigenen Klarheit das Menschsein und die Seele sowie die Bedeutung von Alter und Tod (Aquin, v. Th., Questiones, 93,6):
- „Der Mensch ist im Gegensatz zu allen anderen Geschöpfen ein geistleibliches Wesen. Er ist das aus einem stofflichen und einem geist-seelischen Teile zusammengefügte Ganze. Aus der ungeteilten Seele entfalten sich die verschiedenen gestuften Seelenvermögen.“
- Mit Aristoteles unterscheidet Thomas in der einen ungeteilten Seele drei Arten von Seelenvermögen oder Tätigkeitswesen, die pflanzliche, die sinnhaften, und die geistigen Vermögen. Mit Rücksicht auf diese Dreiheit von Seelenvermögen spricht man von einer pflanzlichen, einer sinnlichen und einer Vernunftseele. Die Vernunftseele nennt Thomas „Intellectus“ oder Mens.“ (Aquin, Th.: Questiones, 93,6).
- Ob die Seele aber, wenn sie aus der Bindung an den Leib „gänzlich gelöst ist“, die eigentlichen menschlichen Akte weiter zu vollziehen vermag, ist keine wissenschaftliche Frage.
Manche Mediziner behaupten zwar, der Tod sei kein konkretes Ereignis, sondern vielmehr ein gradueller Prozess, ähnlich der Dämmerung, und könne überhaupt nicht präzise festgestellt werden. Was aber wirklich geschieht, entzieht sich den Wissenschaften.
Der Philosoph Josef Pieper ist trotzdem diesem „nicht konkreten Ereignis“ nachgegangen und hat seine Überlegungen so formuliert:
- „Immer wieder einmal wird berichtet, dass die Menschen, die vom unmittelbaren Tod gerettet werden, im Augenblick vor dem Erlöschen des Bewusstseins ihr ganzes Leben mit allen, längst vergessenen Einzelheiten völlig klar vor ihrem inneren Auge hätten abrollen sehen – was man doch wohl ansehen muss als eine Art Angebot, als eine Einladung und zugleich als eine Befähigung zu einer umfassenden Beurteilung, vielleicht auch Verurteilung, dieses gleichen Lebens, nun freilich auf Grund des denkbar höchsten, absoluten Richtmaßes. Genau dies aber wäre dann jener Schritt auf der Bahn der inneren Existenz, durch den und in welchem der Mensch seine letzte, die von ihm selbst endgültig gewollte und bejahte unabänderliche Gestalt und Verfasstheit gewinnt - . Der „Akt“ allerdings, in dem das geschieht, könnte sehr wohl zu denken sein als ein von niemandem vernommener, als ein schlechthin unwahrnehmbarer Seufzer, der nicht allein von dem Sterbenden nicht mehr artikuliert werden kann, sondern vielleicht sogar – weil er, nicht anders als die ekstatische Kontemplation, die volle ungeschmälerte Energie der Seele beansprucht – seiner eigenen Reflexion unerreichbar und verborgen bleibt. So wird der Augenblick des Todes für manche oder viele Menschen zum Augenblick der Wahrheit, in dem er sich erstmalig sieht wie er wirklich it und wie er wirklich hätte leben müssen“ (Pieper, Josef: Tod und Unsterblichkeit, München 1979, S. 142 f.).
- Wenn dem gefolgt wird, dann wird der Mensch sich im Augenblick seines Todes für sein gesamtes Leben verantworten müssen. Trotzdem: Eine gelehrte Frage ist die Frage nach der Unsterblichkeit nicht.
Sören Kierkegaard sagt dazu: „Ehre sei der Gelehrsamkeit und Ehre sei dem, der die gelehrte Frage nach der Unsterblichkeit gelehrt behandeln kann. Aber die Frage nach der Unsterblichkeit ist keine gelehrte Frage. Sie ist eine Frage der inneren Existenz, eine Frage, welcher der einzelne sich stellen muss indem er Einkehr hält bei sich selbst“ (Kierkegaard, S.,: Nachschrift, I. Teil, Düsseldorf-Köln 1957, S. 163 f.).
Es ist eine Glaubensfrage – und damit sind wir wieder beim Christentum.
Schon seit dem frühen Mittelalter richteten die Klöster ‚Hospitäler’ ein und nahmen sich der Armen, und damit auch der Alten an. „Die ersten Hospitäler wurden in Deutschland zuerst als kirchliche Einrichtungen seit dem 7. Jahrhundert gegründet. Schon die ‚Synode von Aachen’ (817) schrieb jedem Bischof vor, ein Hospital für Arme und Fremde zu errichten. (...) Die Spitäler waren an die jeweiligen Kirchenhäuser baulich angeschlossen, gewährten aber nur einer beschränkten Zahl von Individuen in bestimmten Notlagen Unterstützung. Weitaus mehr Arme (und das ist in jener Zeit auch ein Synonym für Alte, G.H.) wurden durch die bedeutendste Form der sozialen Hilfeleistung, das Almosen unterstützt, was in der kirchlichen Almosenlehre zu einer regelrechten Dogmatik entwickelt wurde. Diese Almosen dienten allerdings „vornehmlich der Beförderung des Seelenheils der Spender, denen für ihre Mildtätigkeit himmlischer Lohn winkte,“ und nicht so sehr der optimalen Versorgung der Armen....“ (Baumgartl, ebenda, S. 40). Außerdem waren diese „Gaben“ an bestimmte Bedingungen gebunden, die bei weitem nicht alle Bedürftigen zu erfüllen vermochten. Ein großer Teil der Alten war ungeschützt und der Willkür der Almosengeber ausgesetzt. Selbstbestimmtheit und Eigeninitiative aber, so, wie die Alten es heute in zunehmenden Maße einfordern und leben, waren dem Denken der damaligen Menschen fremd. Es wurde ihnen gegeben – von Gott, und wenn sie Glück hatten, von mildtätigen Bürgerlichen. Bedeutung für und in ihrer Gesellschaft besaßen die alten Menschen des Mittelalters – mit wenigen Ausnahmen – insofern, als sie sich ihren Bedarf erbetteln mussten und dadurch, eben weil sie Almosenempfänger waren, für das „Seelenheil“ der Almosengeber sorgten. „... (die Siechenpflege) welche sich deshalb den Leidenden mit Liebe, ja mit Ehrfurcht zuwendet, weil sie in ihnen die Heimgesuchten Gottes sieht, welche Gott der Herr geschlagen, weil Er sie liebhat und die Er in dieser besonderen Art besucht, damit sie durch Leiden vollendet würden; - die Siechenpflege gehört nach ihrem ganzen Charakter unzweifelhaft der Kirche.“ (Ballussek o.J., zit.n. Leitner 1986) (Aus: Seminar „Leitbilder und Konzepte in der Altenarbeit“, Sozialpädagoge Ribbert-Elias, J. WS 1999/2000).
(Die heute wieder zu Ehren kommenden „Armentafeln“ erinnern in erschreckender Weise an solche längst vergangenen Zeiten. Sie können dahin führen, dass die sozialen Rechte zurückgeschnitten werden, und der Begriff des Menschen als Rechtssubjekt, das rechtlichen Anspruch auf Unterstützung in schwierigen Lebenslagen besitzt, verschwimmt.)
Ein Bild des Alters, der Ausbeutung der Frau und der zerstörten Schönheit aus jener mittelalterlichen Zeit ist uns von Francois Villon, geboren 1431, überliefert. „Sehr direkt fängt er die soziale Realität der Menschen in den Straßen, Bordellen und Kaschemmen von Paris ein: der Huren, Räuber, Vaganten und auch alternden Menschen, die zum Strandgut der Verhältnisse und Spielball des Elends geworden sind. (vgl. Villon, 1962, S. 19f.) (Aus: Funkkolleg Alter, Einführungsbrief, ebenda, S. 77)
Die alten Menschen des Mittelalters waren weitgehend ungeschützt, sie besaßen keinen Rechtsstatus. Ausgenommen vielleicht eine kleine Schicht sehr Begüterter aus Bürgertum, Adel und Klerus. In der Regel waren alte Leute, wie oben erwähnt, der Willkür ihrer Umwelt und Mitwelt, der Geringschätzung und der Vernachlässigung schutzlos ausgeliefert. Überliefert ist uns aus jener Zeit das folgende Zitat: „Bejahrte Menschen, welche am Rande ihres Grabes, bey grauen Haaren, der höchste Mangel drückt, die in ihrem tätigen Leben nicht so viel vor sich zu bringen mochten, um ein vielleicht unerwartetes hohes Alter von Sorgen der Nahrung frey abzuleben; von denen noch so oft bekannt ist, dass sie das Ihrige zu ihrer Zeit gewiß wahrgenommen haben; sind allezeit unserer Milde und Wohltätigkeit würdig“ (Wilcke 1792, zit. nach Göckenjan 1988). (Aus Seminar Ribbert-Elias, ebenda, 2000)
Weitere Zitate aus weit zurückliegenden Epochen belegen die völlige Abhängigkeit der Menschen von der „Gnade“ ihrer Mitwelt und bezeugen, wie sehr die Armen und die alten Menschen der Willkür der sie „liebenden Institutionen“, hier einer Pflegeanstalt, ausgeliefert waren: „Das Wesen einer großen Armen-Pflegeanstalt besteht (...) darin, dass die Arten von Armen, für die man im Leben keine Verwendung mehr hat, und welche, einzeln zur Versorgung übergeben, große Kosten verursachen, zusammenführt in eine gemeinsame und billige Verpflegung, wobei sie überwacht, vor Gefahren geschützt und dem öffentlichen Ärgernis entrückt werden.“ (Fürst 1903, zit.n. Kondratowitz 1988)
„Diejenigen Anstalten, welche würdigen Siechen und Gebrechlichen Unterkunft bieten... begnügen sich durchweg mit leichten Strafen, wie Ermahnung, Verweis unter vier Augen, Verweis in Gegenwart der übrigen Insassen oder des Anstaltsvorstandes, Verweigerung des Urlaubs, Verbot des Empfanges von Besuch, Verbot des Rauchens usw.“ (Buehl/Eschle 1903, zit.n. Kondratowitz 1988)
Während das letztgenannte Zitat aus Ende des 19. oder Beginn des 20. Jahrhunderts stammt, war die Stellung der Alten der frühen Neuzeit innerhalb ihrer Mitwelt nicht minder katastrophal. Auch das 16. Jahrhundert verbesserte die soziale und gesellschaftliche Situation der Alten nicht. So resümiert der Sozialhistoriker Peter Borscheid (1989): „Noch weniger als im Mittelalter gehört im 16. Jahrhundert dem Alter höchste Bewunderung und Sympathie. Die, welche die größten und am meisten bestaunten Aufgaben erfüllen, sind Jünglinge oder Männer in der Blüte ihrer Jahre. (...) Zwar treten Greise auf, die Achtung verdienen können, nicht aber ein Höchstmaß an bedingungsloser Zuneigung. Das Alter ist stigmatisiert, es ist mit dem Makel des Zerfalls behaftet“ (Funkkolleg Altern, ebenda, S. 79). „Vor allem in der beginnenden Neuzeit, dem 16. und frühen 17. Jahrhundert wurde die Jugend verherrlicht, das Alter verachtet und verspottet. Die Alten waren mit dem Makel des Verfalls behaftet, Alter gleichbedeutend mit Krankheit und Invalidität, in ihm vereinten sich alle Gebrechen, die ein Leben voll von kräftezehrender Arbeit und frierend-feuchter Armut als tiefe Spuren hinterlassen hatte. In der Zeit des Dreißigjährigen Krieges mit seinem allgemeinen Verlust an Humanität stand das Ansehen der Alten an einen Tiefpunkt“ (Baumgartl, B.: Altersbilder und Altenhilfe, Opladen, 1997, S. 32).
„Natürlich kann nicht für eine Epoche ein allgemeingültiges, typisches Altersbild ausgemacht werden, sondern es bestanden immer je nach sozialer Schicht differenzierte gesellschaftliche Bewertungen des Alters. Während positive Altersbilder, die häufig Idealvorstellungen aus künstlerischen und literarischen Werken darstellen, sich zumeist auf alte Menschen mit hohem gesellschaftlichen Status beziehen, hat eine negative Bewertung des Alters oft unterprivilegierte alte Menschen im Blick. Das verweist darauf, dass Schichtzugehörigkeit und Verfügungsgewalt über materielle Ressourcen auch in der Vergangenheit wahrscheinlich bedeutender für die konkrete gesellschaftliche Bewertung war als die Altersposition“ (Baumgartl. B.: Altersbilder und Altenhilfe: zum Wandel der Leitbilder von Altershilfe seit 1950, Opladen, 1997, S. 30).
„Bei der Lektüre auch aktueller einschlägiger Literatur gewinnt man oft den Eindruck, als wäre das Altersproblem ein Problem unserer Tage. Heute, so der Tenor sozialpolitischer und sozialpädagogischer Diskussionen, seien im Gegensatz zu früheren Zeiten die sozialen Beziehungen erodiert, alte Menschen würden sozial isoliert, aus der Gesellschaft „abgeschoben“. Diese Probleme werden oft als Folge der „industriellen Revolution“ gesehen, die durch fortschreitende Arbeitsteilung den Lebens- und Arbeitsverbund der Generationenfamilie im „Ganzen Haus“ ihrer Funktionen beraubte. Burgess (1962) beschreibt diese Problemsicht vom Alter in einer bekannten Zitatstelle: „In all historical societies before the Industrial Revolution, almost without exception, the aging enjoyed a favorable position. Their economic security and their social status were assured by their role and place in the extended family. The extended family was often an economic unit of production, frequently a household unit, and always a cohesive unit of social relations and reciprocal services between the generations. But the balance of prerogatives of property, power and decision making belonged to the aging. This golden age of living for older persons was disturbed and undermined by the Industrial Revolution” (Baumgartl, ebenda, S. 31).
Eine derart einseitige Sichtweise auf das Alter vergangener Epochen und Kulturen kann, wie weiter oben gezeigt, so nicht gehalten werden. Vielmehr unterlag das Ansehen der alten Menschen im Laufe der Jahrhunderte teilweise dramatischen Wandlungen. Darüber hinaus darf nicht übersehen werden, dass die Alten in der weitaus größten Mehrzahl in bitterer Armut lebten, keine Rechtssubjekte waren und zu dem innerhalb ihrer jeweiligen Gesellschaft einer Minderheit angehörten. Hinzu kam, dass in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts die grausamen Verhältnisse des 30jährigen Krieges (1618-1648) alle Sittlichkeit und Moral außer Kraft setzte und selbst das Gebot Gottes: „Ehre deinen Vater und deine Mutter, damit du lange lebst in dem Land, das Jahwe dir geben will“ (Exodus, 20.12), seine mögliche Wirkung einbüßte.
„Nach den Wirren des Dreißigjährigen Krieges 1618-1648 setzte Ende des 17. und Anfang des 18. Jahrhunderts ein Prozess der Versittlichung ein, an dessen Ende als Gegenbewegung in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts eine „Inthronisierung des Alters“ stand. Die „derbe Heftigkeit des 16. Jahrhunderts“ wurde durch Höflichkeit abgelöst, was den Alten das Zusammenleben mit den Jungen erleichterte. Man begann die verstorbenen Eltern in Leichenpredigten zu ehren. In der ‚Tuba rustica’ des Barockpredigers Christoph Selhammer aus Bayern heißt es sogar: „Insgeheim halt man eben das, was alt ist, für das Best“.
Das Ideal der Aufklärung, die sittliche Vervollkommnung und geistige Höherbewertung der Persönlichkeit führten dazu, dass die Älteren auf vielen Gebieten mit den Jungen mithalten und ihre Erfahrungen voll zur Geltung bringen konnten – mit dem Motiv der ‚Weisheit des Alters’ wird diese Entwicklung umschrieben, während Defizite und Krankheiten des Alters in den Hintergrund rückten. Ende des 18. Jahrhunderts begann die Medizin erstmals sich Gedanken darüber zu machen, wie Leben zu verlängern sei. So der Arzt Christoph Wilhelm Hufeland (1796) mit seiner Schrift ‚Makrobiotik oder die Kunst das menschliche Leben zu verlängern’ – der Mensch begann, sich gegen seinen Tod zur Wehr zu setzen. Das ehrwürdige Alter war – gegenüber dem qualvollen Alter des 16. Jahrhunderts – erstrebenswert, die alten Menschen waren zu Helden geworden, „keine senil-hinfälligen Zittergestalten mehr, sie waren ehrfurchtgebietende Persönlichkeiten“ (Baumgartl, ebenda, S. 33).
Zum Begriff „Makrobiotik“ sei an dieser Stelle eingefügt, dass Hufeland von seiner „Makrobiotik“ ein viel umfassenderen Begriff hatte, als das, was heute unter „Makrobiotik“ verstanden wird. Heute wird darunter eine Ernährungsweise verstanden, die auf Getreide und Gemüse beruht. Hufelands „Makrobiotik zielte auf den Alterungsprozess und die Lebensführung insgesamt:
- „Das menschliche Leben ist, physisch betrachtet, eine eigentümliche animalisch-chemische Operation, eine Erscheinung. Durch die Konkurrenz vereinigter Naturkräfte und immer wechselnder Materien bewirkt. (...) Durch Festsetzung richtiger Grundsätze über (das Wesen dieser Operation) und durch Erfahrung lassen sich die Bedingungen bestimmen, unter welchen dieser Prozess beschleunigt und verkürzt, oder retardiert (verzögert) und also verlängert werden kann; - es lassen sich hierauf Regeln der diätetischen und medizinischen Behandlung des Lebens, zur Verlängerung desselben, bauen, und es entsteht hieraus eine eigene Wissenschaft, die Makrobiotik, oder die Kunst das Leben zu verlängern (...).
- Man darf diese Kunst nicht mit der gewöhnlichen Medizin oder medizinischen Diätetik verwechseln, sie hat andere Zwecke, andere Mittel, andere Grenzen. Der Zweck der Medizin ist Gesundheit, der Makrobiotik hingegen langes Leben; die Mittel der Medizin sind nur auf den gegenwärtigen Zustand und dessen Verlängerung gerichtet, die der Makrobiotik aber aufs Ganze (...)
- (...) Trotz mancher kurioser Einzelheiten über die körperlichen Qualitäten ist noch immer von aktuellem Interesse, wie Hufeland das „Bild eines zum langen Leben bestimmten Menschen“ zeichnet. Er hebt vor allem auf einen Lebensstil ab, den wir heute „stressarm“ nennen würden, dabei frei ist von allen asketischen Zügen. – Ein solcher Mensch ist:
- ... heiter, gesprächig, teilnehmend, offen für Freude, Liebe und Hoffnung, aber verschlossen für die Gefühle des Hasses, Zorns und Neids. Seine Leidenschaften werden nie heftig und verzehrend. Kommt es je einmal zu wirklichem Ärger und Zorn, so ist es mehr eine nützliche Erwärmung, ein künstliches und wohltätiges Fieber, ohne Ergießung der Galle. Er liebt dabei Beschäftigung, besonders stille Mediationen, angenehme Spekulationen – ist Optimist, ein Freund der Natur, der häuslichen Glückseligkeit, entfernt von Ehr- und Geldgeiz und allen Sorgen für den anderen Tag“. (Hufeland 1995, S. 95f.) aus (Funkkolleg Alter, Einführungsbrief, ebenda, S. 90)
„Gegen Ende des 18. Jahrhunderts mehrten sich durch höhere Lebenserwartung der Alten die Generationenkonflikte, da das Absterben der einen nicht mehr mit dem Erwachsenenalter der nächsten Generation zusammenfiel. In einer sich schneller ändernden Welt begann die Erfahrung der Alten zudem an Wert zu verlieren, wenn auch die der Zeit eigenen Höflichkeit es verbot, das deutlich zu machen. Das Bild des ‚ehrwürdigen Alten’ wurde so aufrechterhalten; zur Zeit der französischen Revolution machten „revolutionäre Moralisten“ die alten Menschen zu Vorbildern und stellten den Respekt vor den Alten als eine wesentliche republikanische Tugend für eine ideale Gesellschaft dar. Dieser Widerspruch zwischen verschärften Generationenkonflikten und der „gerontokratischen Idealvorstellung“ lief auf eine Schonung und Entlastung der alten Menschen hinaus, und in der Folge entwickelte sich ein romantischer ‚Elternkult’, der auch in tieferen Bevölkerungsschichten zu einer allgemeingültigen Norm wurde. Die Biedermeierzeit setzte der Massenverarmung der Frühindustrialisierung die Flucht in die Häuslichkeit entgegen und schob die Alten in einen gesellschaftlichen Schonraum ab. Die Familie wurde als Symbol dieser Entwicklung verklärt, die Alten standen im Kreis ihrer Familie als die Garanten alter Tugenden für ein ‚gemütvolles Klima’. Das Altersbild dieser Zeit war, anders als das des 16. Jahrhunderts, gänzlich unrealistisch, hatte keinen Platz für Einsamkeit und Krankheit und erhielt in Jakob Grimms 1860 vor der Königlichen Akademie der Wissenschaften zu Berlin gehaltenen „Rede über das Alter“ (1863) seine akademische Weihe: Altern hieß zwar Verlust an körperlichen Vorzügen, aber einen Zugewinn an geistigen“. Das Altersbild des Biedermeier zeigt ein Idyll, das aber letztlich aufgrund seiner andauernden Wiederholung ernst genommen und zum gesellschaftlichen Leitbild wurde“ (Baumgartl, ebenda, S. 33f.)
Dass selbst Jakob Grimm, trotz seiner vor der Königlichen Akademie gehaltenen Rede, dem „Idyll“ wenig Vertrauen schenkte, scheint durch das Märchen „Der alte Großvater und der Enkel“ belegt, dass er und sein Bruder Wilhelm veröffentlichten:
- „Es war einmal ein alter Mann, der konnte kaum gehen, seine Knie zitterten, der hörte und sah nicht viel und hatte auch keine Zähne mehr. Wenn er nun bei Tisch saß, und den Löffel kaum halten konnte, schüttete er Suppe auf das Tischtuch, und es floss ihm auch etwas wieder aus dem Mund. Sein Sohn und dessen Frau ekelten sich davor, und deswegen musste sich der alte Großvater endlich hinter den Ofen in die Ecke setzen, und sie gaben ihm sein Essen in ein irdenes Schüsselchen, und noch dazu nicht einmal satt, da sah er betrübt nach dem Tisch, und die Augen wurden ihm nass. Einmal auch konnten seine zittrigen Hände das Schüsselchen nicht fest halten, es fiel zur Erde und zerbrach. Die junge Frau schalt, er aber sagte nichts und seufzte nur. Da kauften sie ihm ein hölzernes Schüsselchen für ein paar Heller, daraus musste er nun essen: wie sie nun da so sitzen, so trägt der kleine Enkel von vier Jahren auf der Erde kleine Brettlein zusammen. „Was machst du da?“ fragt der Vater. „Ei, antwortete das Kind, ich mach ein Tröglein, daraus sollen Vater und Mutter essen, wenn ich groß bin.“ Da sahen sich Mann und Frau eine Weile an, fangen endlich an zu weinen, holten alsofort den alten Großvater an den Tisch, und ließen ihn von nun an immer mit essen, sagten auch nichts, wenn er ein wenig verschüttete“ (Funkkolleg Altern, Einführungsbrief, ebenda, S. 85)
Trotzdem: Freies philosophisches Denken gewann - nach Jahrhunderten tiefen „Schlafes“- wieder an Einfluss und Bedeutung. Arthur Schopenhauer sagte mit einem Rückblick auf diese Zeit des „Schlafes“ und mit Blick auf das Wirken Kants: „Alle vorhergehende okzidentalische Philosophie, gegen die Kantische als unsäglich plump erscheinend, hatte jene Wahrheit verkannt und eben daher eigentlich immer wie im Traume geredet. Erst Kant weckte sie plötzlich aus diesem; daher auch nannten die letzten Schläfer (Mendelsohn) ihn den Alleszermalmer“ (Kant Brevier, Frankfurt, 1975, Klappentext).
Immanuel Kant (1724-1804) hatte die Menschen des 18. Jahrhunderst wachgerüttelt und in seiner Aufklärungsschrift von ihnen den Gebrauch des jedem psychisch gesunden Menschen innewohnenden eigenen Verstandes gefordert:
- „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines andern zu bedienen. Sapere aude! Habe Mut, dich eines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung“. (Kant Brevier, Frankfurt, 1975, S. 13)
Dieser Aufruf hat seine Gültigkeit bis heute nicht eingebüßt. Im Gegenteil. Nie war die Forderung, sich seines Verstandes ohne Leitung anderer zu bedienen, dringlicher als heute, am Beginn des 21. Jahrhunderts. Und wenn, um dem Impetus dieser Arbeit genüge zu tun, das Alter jemals gesellschaftliche Bedeutung erlangen will, wird es nicht umhin kommen, den Wahlspruch der Aufklärung zu verinnerlichen und zu „Fleisch“ werden zu lassen. Doch dem steht vieles entgegen – nicht nur der Zeitgeist. Vor allem steht dem die tiefverwurzelte Gleichgültigkeit und die durch diese gezeugte selbstverschuldete Unmündigkeit entgegen. Oder, um es mit Kant zu sagen:
- „Faulheit und Feigheit sind die Ursachen, warum ein so großer Teil der Menschen, nachdem sie die Natur längst von fremder Leitung frei gesprochen, dennoch gerne zeitlebens unmündig bleiben und warum es anderen so leicht wird, sich zu deren Vormündern aufzuwerfen. Es ist so bequem, unmündig zu sein. Habe ich ein Buch, das für mich Verstand hat, einen Seelsorger, der für mich Gewissen hat, einen Arzt, der für mich die Diät beurteilt, usw.: so brauche ich mich ja nicht selbst zu bemühen. Ich habe nicht nötig zu denken, wenn ich nur bezahlen kann; andere werden das verdrießliche Geschäft schon für mich übernehmen. Dass der bei weitem größte Teil der Menschen (darunter das ganze schöne Geschlecht) den Schritt zur Mündigkeit, außer dem, dass er beschwerlich ist, auch für sehr gefährlich halte: dafür sorgen schon jene Vormünder, die die Oberaufsicht über sie gütigst auf sich genommen haben. Nachdem sie ihr Hausvieh zuerst dumm gemacht haben und sorgfältig verhüteten, dass diese ruhigen Geschöpfe ja keinen Schritt außer dem Gängelwagen, darin sie sie einsperreten, wagen durften: so zeigen sie ihnen nachher die Gefahr, die ihnen drohet, wenn sie es versuchen, allein zu gehen“ (Kant Brevier, ebenda, S. 13f.)
Auch wenn die Gedanken der Aufklärung bis auf den heutigen Tag und insbesondere in der Jetzt-Gesellschaft alles andere als zum Allgemeingut geworden sind, so gingen und gehen doch neue Entwicklungen von der Aufklärung aus. Nicht zuletzt auch in der Armen- und somit insbesondere in der Altenpflege. Denn die Gedanken und Aufrufe der Aufklärung betonten die sittliche Verantwortung jedes einzelnen für seine Mitmenschen. Ethische und durch Pädagogik zu befördernden Vervollkommnung der Menschen wurde als wesentlich-erstrebenswertes Ziel betrachtet.. „Die pädagogischen Reformen kamen besonders durch die private, bürgerliche Wohltätigkeit, die in Vereinen und philanthropischen Gesellschaften organisiert war, in vielen Maßnahmen des Armenwesens zum Ausdruck“ (Baumgartl, ebenda, S. 41) Diese Entwicklungen wurden jedoch nicht von den Betroffenen, nicht von den Alten selbst, befördert, sondern von privaten und bürgerlichen Wohltätigkeitszirkeln, die sich im Zeitalter der Aufklärung in zunehmendem Ausmaße gebildet hatten. „Zur Zeit der französischen Revolution herrschte, wie schon angesprochen, ein positives Altersbild vor, in dem die alten Menschen wegen ihrer Weisheit und Erfahrung verehrt wurden“ (Baumgartl, ebenda, S. 41). Doch wie die meisten privat-wohlfahrtlichen Unternehmungen verblühen, sobald der enthusiastische Geist sie verlässt bzw. so lange sie nicht in Gesetze gefasst und zum Rechtsgut geworden sind, so auch hier. „Die Blütezeit der armenpflegerischen Tätigkeit der Aufklärung war zu Ende des 18. Jahrhunderts überschritten; nach dem napoleonischen Krieg vollzog sich der Übergang vom Agrar- zum Industriestaat in Deutschland. Die unter den Stichworten Pauperismus und Soziale Frage diskutierte Massenverelendung in der fortschreitenden Industrialisierung hatte wichtige Auswirkungen auf die Behandlung von Alter innerhalb der Armenfürsorge. Im Rahmen der Bismarckschen Sozialgesetzgebung führte das dann zu einer Versicherungslösung für Alte und Invalide, durch die die Alten aus dem undifferenzierten Kreis der Armen herausgehoben wurden“ (Baumgartl, ebenda, S. 41).
„Die Differenzierung der institutionellen Versorgung für Alte fand zuerst in den Städten statt, während auf dem Land die Unterbringung in herkömmlichen Armenhäusern zusammen mit anderen Gruppen hilfsbedürftiger Menschen sich noch länger hielt“ (Baumgartl., ebenda, S. 44)
„Im ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert verlor das Motiv der Lebensalter zumindest in den städtischen Gebieten seine Beliebtheit, das traditionelle Bild einer wohlgeordneten Lebenszeit seinen kulturellen Anspruch. Es wurde nunmehr davon ausgegangen, dass der alte Mensch nichts Wesentliches mehr zur ‚wirklichen Welt’ beizutragen hat. Arbeiterfrage und beginnende Hochindustrialisierung ebneten den Weg zu einem realistischeren Altersbild, und in Literatur und Malerei trat neben den bürgerlichen Patriarchen der arme, einsame Alte, der nicht mehr von einer schützenden Familie umgeben war. Zudem forderte die Jugend gesellschaftliche Rechte ein, und die Verehrung des Alters machte einer Haltung Platz, die der Jugend nacheiferte: „Bart, Spitzbauch und Kneifer, mit denen sich bis dahin Jüngere ausstaffiert hatten, um älter zu wirken und in Beruf und Gesellschaft ernst genommen zu werden, wichen jetzt den Symbolen der Jugend: einem sportlich geübten Körper und einer körperbetonten Mode. Zu Anfang des 20. Jahrhunderts stieg der Legitimationsdruck auf das höhere Alter, das nun als ‚gesellschaftlich nutzlos’ thematisiert wurde. Gleichzeitig begannen sich die Anzeichen einer Beunruhigung über einen immer unübersehbar werdenden Wertverlust des Alters zu mehren – ein Berichterstatter einer Tagung des Vereins für Sozialpolitik umschrieb dies mit dem ‚Fluch des Alters’“ (Baumgartl, ebenda, S. 34).
Gerd Heming (2001)
Selbstbestimmung – ein Mythos...
Der weitaus größte Teil der Menschen in den westlichen Staaten lebt in der festen Überzeugung, ein selbstbestimmtes Leben zu leben. Sie glauben, Meister ihres Schicksals zu sein. „Jeder ist seines Glückes Schmied“, wird ihnen von Scharlatanen, von Predigern des Glaubens, von den Meistern der Talkshows, von den Hinwegrednern des Todes, von den Machern der Medien oder von interessengeleiteten Doktoren und Politikern gepredigt - und sie stimmen den Scharlatanen bedenkenlos zu. Niemand glaubt, er werde betrogen, niemand kapiert, dass er sich selbst betrügt. Die Menschen der westlichen Welt leben nicht durch sich selbst, sie werden gelebt. Sie fallen einer Selbstlüge anheim - einem Mythos. Denn in der Realität werden sie fremdbestimmt. Sie leben eben nicht durch sich selbst, sie leben eben nicht durch selbständiges Denken, sondern vielmehr sind sie Sklaven der Umstände, Sklaven der Illusionen, Sklaven der Ideologien, Sklaven des Selbstbetruges und Sklaven der äußeren Ansprüche. Die Umstände und jeweiligen Situationen sind es, die ihr sklavenartiges Leben und ihr sklavenartiges Denken bestimmen.
Am schwersten wöge unter den Irrtümern des Selbstbetruges das ästhetische Wohlgefallen an sich selbst, gibt der Paderborner Philosoph Hans Ebeling zu bedenken. Und er meint hier nicht den Narzissmus der Jünglinge oder die Selbstaffektion der weiblichen Jugend, denn hier sei immerhin von Schönheit die Rede. Er meint „die dickbäuchige Saturiertheit, die doch nur nach immer erneuter Befriedigung der Gefräßigkeit verlangt. Solches Wohlgefallen an sich selbst, das doch nicht zur Ruhe kommen kann, ist nur das Werk und die Tat der Gier als Besitzgier.“
Es ist der Jugend nicht anzulasten, wenn die Generationen der dreißig- bis fünfzigjährigen in Irrtümern gefangen sind. Ihre jeweiligen Alten aber gehören zu den Unverträglichsten. „Das eigentliche Laster der Alten“, so Ebeling“, „der Geiz, ist ihr Ausdruck. Was abgegeben wird, sind nur Worte. Der unbegrenzte Redefluss, der externalisierte Autismus, die Anschlusslosigkeit an die Welt, belegt die Erstarrung der Behäbigen nicht weniger als ihr Stummsein. Der quasi animalische Stumpfsinn, der an kein Lebensalter gebunden ist, im Alter aber besonders signifikant wird, ist freilich an der Selbstbetrunkenheit der Rede vorzüglich zu studieren, und zuweilen nicht lediglich der Alltagsrede, sondern speziell in der Sophistifikation“.
Die Gattung Mensch sei zur vernünftigen Selbsterhaltung qua Selbststeigerung erkennbar nicht fähig und daher prinzipiell auch nicht überlebensfähig – außer bei der Zuhilfenahme rigoroser Mittel der Suppression. „Nur Einzelnen“ so der Philosoph, „ist die vernünftige Selbststeigerung zuzutrauen. Die Massen dagegen haben durch technische Intervention, nämlich sogenannter Informationssysteme, tatsächlich nur Systeme der Desinformation, global einen (sit venia verbo) Verblödungsgrad erreicht, den die Religionen niemals bewerkstelligen konnten“.
Auffällig bei den Mittelalten und Alten ist mit Blick auf das Vorhingesagte die weit verbreitete Ansicht, Altern sei eine Krankheit, die zu behandeln möglich sei. Purer Selbstbetrug. Denn Altern und Alter sind keine Krankheit. Altern ist weder medizinisch noch kosmetisch behandelbar. Vom Tage unserer Geburt an altern wir, von Tage unserer Geburt an sterben wird.
Da helfen auch nicht der so oft beschworene Jugendlichkeitswahn oder Anti-aging-Programme. Sie sind Irrwege, geistige Verirrungen - eben wahnhaft. Wer sich ihnen verschreibt, wer sich ihnen ausliefert, wer ihnen wie in einem religiösen Fieber verfällt, gibt seiner Vernunft den finalen Schuss. Er tötet das, was den Menschen zum Menschen macht.
Warum nur sind ausgerechnet Geist und Macht ein deutsches Problem? Woher kommt diese untertänige Begeisterung vor der angeblichen Macht? Warum kämpfen Menschen, als ginge es zum ihr Seelenheil, schier bis zum letzten Atemzug für ihre Verknechtung?
Ist es die Macht des Wortes, die Menschen tötet? Ist es die Dumpfheit des herrschenden Systems? Ist es die hinterlistige Raffinesse dieses Systems? Es ist nicht leicht, Menschen zu ihrem Glück zu bringen, aber es ist relativ leicht, sie zu ihrem Unglück zu überreden. Die eigene Dummheit wird zum Kult erhoben.
Die Alten bleiben stumm. Sie haben ohne ernsthaft nachzudenken ihr Leben gelebt – und nun sind sie stumm und verblöden. Auch wenn sie zu Nichts mehr nutze sind, so läge doch ein Nutzen darin, wenn sie den nachfolgenden Generationen als warnendes Beispiel dienten. „Uneinsichtig, erinnerungslos und ohne Einkehr verläuft und endet das Leben der Meisten“, sagt Hans Ebeling, „sie lassen das Alter verstreichen wie das ganze bisherige Leben selbst. Ein Leben ohne Einsicht, Erinnerung und Einkehr ist nicht ‚lebensunwert’, aber belanglos. Die Humanität gebietet, noch das Belanglose zu schützen. Aber besondere Achtung darüber hinaus kann solchem weithin ‚bewusstlosen“ Lebensvollzug nicht zugebilligt werden“. Die aber, so der Philosoph, also jene, die ohne Einsicht, ohne Erinnerung, ohne Einkehr seien, würden den Weltenlauf bestimmen. „Sie missbrauchen noch das ‚Weltgericht’. Sie ergeben sich dem Trost oder der Trostlosigkeit des Alters. Das Ende der Torheit setzt dagegen voraus, von sich aus aus der Zeitgenossenschaft herauszufallen. Spätestens für das Alter gibt es nur eine ‚Überlebensform’ des Geistes: Unzeitgemäß zu sein“.
Wenn doch die Alten aufschreien würden. Denn nichts, aber gar nichts ist richtig an dem Spruch: „Reden ist Silber, Schweigen ist Gold“. Und wie soll ein stummes Alter Achtung erringen? Das Alter ist keine Zeit des Rückzugs – es ist die Zeit des Aufruhrs, des Abenteuers, des Widerstandes!
Warum nur lassen die Deutschen es zu, dass das Alter und der demografische Wandel im täglichen Leben kein positives Thema sind? Wo bleiben jene Fragen, die das Alter um seiner selbst und um seiner Achtung willen stellen sollte? Ist den Alten nicht klar, dass Fragen, die nicht gestellt werden, logischerweise ohne Antwort bleiben?
Ist es denn wirklich der Jugendlichkeitswahn und die wahnhafte Hoffnung auf Anti-aging-Programmen, die den Alten die Lippen verschließen?
Solange die Alten an den Illusionen und Erwartungen der Jugend festhalten und das, was sie wollen nur in diesem Kontext sehen, verstricken sie sich in ein immer verzweifelteres Spiel, das sie nur verlieren können. Das Streben nach Jugendlichkeit macht blind für die Möglichkeiten des Alters. Die Verdrängung des Alters blockiert jede Weiterentwicklung und verhindert, dass sich Lebensmöglichkeiten eröffnen, die den Alten, wenn sie in der Welt aufrecht Stellung bezögen, zur Verfügung stünden. Solange sie in der Jugendfalle stecken, können sie die Potenziale des Alters gar nicht wahrnehmen. Die eigene Haltung verhindert die Entwicklung von fruchtbaren Lösungen.
Auch die Alten müssen Demokratie erst lernen, denn es gibt kein richtiges Leben im falschen. „Menschen, die blind in Kollektive sich einordnen, machen sich selber schon zu etwas wie Material, löschen sich als selbstbestimmte Wesen aus“, formulierte Adorno.
„Dazu passt die Bereitschaft, andere als amorphe Masse zu behandeln“. Diese Menschen sind und bleiben unmündig. Nach Adorno ist Selbstbestimmung ohne Mündigkeit gar nicht zu denken. Er sagt: „Die Konkretisierung der Mündigkeit besteht darin, dass die paar Menschen, die dazu gesonnen sind, mit aller Energie darauf hinwirken, dass die Erziehung eine Erziehung zum Widerspruch und zum Widerstand ist“.
Selbstbewusstsein, Mündigkeit und Selbstbestimmung sind unverbrüchlich mit einander verwandt. Das eine bedingt das andere.
Es ist längst wissenschaftlich belegt, dass die Entwicklung der Intelligenz, die Fortbildung des individuellen Selbst, die Entfaltung von Kompetenzen und Generativität bis ins hohe Alter, bis ins hundertste Lebensjahr und darüber hinaus, möglich ist. Sicher ist aber auch, dass die Wahrscheinlichkeit, die letzten Lebensjahre in einer Alten- oder Pflegeeinrichtung zu verbringen, mit zunehmendem Alter bis auf nahezu hundert Prozent in die Höhe schnellt.
All das ist in Deutschland kein Thema – und die Alten schweigen. Sie lassen es zu, dass ihre Kompetenzen und Potentiale ungenutzt bleiben. Sie lassen es zu, dass durch ihr Schweigen und ihre Untätigkeit ein gesellschaftlicher und volkswirtschaftlicher Schaden entsteht, der unermesslich und unersetzlich ist.
So bleibt die Macht in den Händen der Uneinsichtigen und Unbelehrbaren. Zu erinnern bleibt der über Jahrtausende anhaltenden Stillstand der Geschichte aus dem anhaltenden Willen zur Macht. „Der tragische Stil der Geschichte“, so Hans Ebeling, „ist nicht allein dadurch bestimmt, dass Verwirrungen selbstinszeniert werden. Tragisch ist, dass eigentlich nichts geschieht als die Aufsteigerung und Abgleichung blanker Selbsterhaltungsquanten. Handelte es sich nicht um die Geschichte von Menschen, wäre es möglich , das Komödiantentum in der Tragödie mehr zu schätzen“.
Unverzeihlich ist das Schweigen der Alten besonders dort, wo es um die Lebensqualität ihrer eigenen Alten, der über 80jährigen, geht. Unverzeihlich ist es und verachtungswürdig, dass die Alten nicht geschlossen gegen das heutige Anstalts- und Heimsystem aufstehen und kämpfen.
Das heutige Anstalts- und Heimsystem entstand als Problemlösung des 19. Jahrhunderts für den Ausgleich zwischen Stärkeren und Schwächeren - unter den Bedingungen der beginnenden Industrialisierung und Marktwirtschaft war es segensreich und oft lebensrettend. Viele Gründe zwingen jedoch im 21. Jahrhundert das Heimsystem auf den Prüfstand, um zu klären, ob und in welchem Umfang es heute noch den Belangen der Alten, Pflegebedürftigen, geistig Behinderten, psychisch Kranken und der (behinderten) Kinder und Jugendlichen angemessen sein kann - und überhaupt muss. In all diesen Bereichen der Hilfebedürftigkeit sind längst ambulante kommunale Alternativen, die eine Integration der Betroffenen ermöglichen, bekannt. Sie werden bisher aber nur unzureichend angeboten. Insofern sind wir in den Umbau des Heimsystems bereits eingestiegen, es ist aber an der Zeit, ihn systematisch zu erfassen und behutsam zu steuern, damit nicht gerade die Verletzlichsten in der Gesellschaft seine Opfer werden. Der Umbau ist insbesondere gesetzgeberisch sowie sozialpolitisch zu begleiten, wie dies z.B. in einigen skandinavischen Staaten bereits geschieht.
Die Solidarität mit den Hilfebedürftigen wird in Zukunft stärker als bisher zu einer gesamtgesellschaftlichen Aufgabe werden, da dem - vor allem demographisch bedingten - Anstieg der Zahl der Hilfebedürftigen eine Abnahme der verfügbaren Geldmittel und eine Abnahme der Tragfähigkeit familiärer Netzwerke gegenüberstehen. Hinzu kommt, dass immer weniger alte wie behinderte Hilfebedürftige bereit sind, in ein Heim zu gehen, weil sie dies für unvereinbar mit ihren Persönlichkeitsrechten halten. Dies wirft auch verfassungsrechtliche Fragen auf (z.B. "besondere Gewaltverhältnisse"): vor allem die Frage nach der Verantwortbarkeit des Lebens in Heimen für heutige Menschen. Schließlich können wir auch nicht mehr die Augen davor verschließen, dass es Heimen zunehmend schwer fällt, auch nur die Mindeststandards der Versorgung einzuhalten oder entlassbare Heimbewohner auch tatsächlich zu entlassen.
Die Institution "Heim" ist, wie schon gesagt, als Versorgungstyp eine Innovation vor allem des 19. Jahrhunderts, als die Bürger unter den Gegebenheiten der beginnenden Moderne ihre "Sorge für Andere" zunehmend auf die abstrakteren Geldleistungen umstellten. Das "Heim" kann jedoch den Ansprüchen der Individualisierung und der expandierenden Persönlichkeitsrechte der post- oder spätmodernen Menschen des 21. Jahrhunderts nicht mehr gerecht werden. Daraus ergibt sich eine Doppelaufgabe: Zum einen müssen schon jetzt real existierende Missstände pragmatisch angegangen werden. Ebenso gilt es, ambulante kommunale Hilfestrukturen weiterzuentwickeln und auf eine breite Basis zu stellen, um den notwendigen Halt in die Lebenswelt der Menschen zu holen. Der Gesellschaftsvertrag zwischen Menschen mit mehr und Menschen mit weniger Sorgebedarf ist auf eine neue, zeitgemäße Basis zu stellen.
Haben wir also aus all diesen Gründen das Hilfesystem für den Ausgleich zwischen Schwächeren und Stärkeren im Sinne der "community care" dahin zu entwickeln, dass Heime so weit wie möglich reduziert und dafür besser ausgestattet werden und an deren Stelle zunehmend ein ambulantes kommunales Hilfesystem tritt? Oder gibt es bessere Wege? Und haben wir die eher zunehmende Bereitschaft der Bürger zu (selbstbestimmtem) freiwilligem sozialen Engagement als Signal zu verstehen, nicht mit noch mehr Geldmitteln, wohl aber - wie vor dem 19. Jahrhundert - mit mehr Sachmitteln solidarisch für Andere einzustehen, um ihren Anspruch auf soziale Teilhabe zu erfüllen und dies für den richtigen Weg zur Weiterentwicklung einer Bürger- oder Zivilgesellschaft zu halten?
Gerd Heming (Vors.) März 2011
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